Disconnect from the World

Disconnect from the World

Acht – Kennewick, The Yellow Church Café und TreeHouse Point

Einer meiner größten Wünsche für diese lange Reise war es, zum TreeHouse Point in Fall City in Washington zu fahren. Vielleicht ist einigen von euch die Serie Treehouse Masters von dem TV-Kanal DMAX bekannt, die seit vielen Jahren übertragen wird und aktuell in die 10. Staffel übergeht.
Treehouse Masters wird von Pete Nelson geleitet, der mit seiner Frau zusammen schon vor der Show eine Baumhaus-Ferienanlage eröffnete und diese weiterhin vermietet. In den ersten Staffeln konnte man sogar mitverfolgen, wie die heute-zu-mietenden Baumhäuser entstanden.

Da ich die Serie seit einer Ewigkeit verfolge (und wahrscheinlich die meisten ausgestrahlten Folgen mehrfach gesehen habe) war es für mich die ultimative Erfahrung in Amerika beim Baumhaus-Park vorbeizufahren. Man kann allerdings nur an bestimmten Tagen (einmal im Monat) Touren mitmachen, weshalb wir uns dazu entschieden haben, eine Nacht im Baumhaus zu übernachten und selbst durch den Park zu wandern. Die Baumhäuser sind oftmals komplett ausgebucht aufgrund von Hochzeiten und anderen Veranstaltungen; man kann aber hin und wieder auch eine Buchungslücke finden. Von Idaho zum Treehouse Point sind es etwas über acht Stunden und wir machen auf der Hälfte einen Stopp in Kennewick, einer der sogenannten „Three Cities“ am Snake und Columbia River.

IMG_0031Die Stadt ist sehr ruhig und gepflegt und wir übernachten in einem kleinen Airbnb mit zutraulichem Schnauzer-Hund und sehr netter Gastgeberin. In der Stadt gibt es einige Outletcenter und Foodcourts; da die Stadt direkt am Wasser liegt, kann man allerdings auch durch Parks und auf Inseln schlendern. Und wenn die Sonne untergeht, gibt es wohl keinen schöneren Ort, als eine der Bars mit Dachterrassen, von der aus man das Wasser und die Sonne sehen kann.
Wir fahren am nächsten Tag hoch Richtung Norden, die Strecke führt vorbei an Weinbergen und Weingütern, die auf großen Schildern entlang der Autobahn angeworben werden. In Ellensburg, einem kleinen Städtchen neben dem Highway, machen wir einen Mittagsessensstop im Yellow Church Café, das schon mehrfach für seine Menüs ausgezeichnet wurde.

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Wenn man auf der Reise auf der Suche nach etwas Besonderem ist, dann ist dieses Café und Restaurant sicher eine gute Wahl und liegt nicht zu weit weg von Sehenswürdigkeiten wie Spokane, Leavenworth und einigen Nationalparks. Das Essen hat mich überrascht; ich hatte noch nie in meinem Leben Pasta mit Limettensoße und getrockneten Tomaten, aber es ist definitiv empfehlenswert und die Ausstattung der ehemaligen Kirche, die zum Café umgebaut wurde, ist einen Blick wert!

Von Ellensburg aus fährt man ein gutes Stück in die Berge hinein, die einem gigantisch vorkommen, wenn sie rechts und links von unserem kleinen Chevrolet Cruze aufragen. Die Namen der Ortschaften und der Aussichtspunkte wechseln ins Indianische und man liest im Vorbeifahren Namen wie „Snoqualmie“, „Squammamish“ und „Issaquah“. Pete Nelsons Baumhauspark liegt auf dem Weg nach Fall City und ist eingenestelt in ein grünes Tal aus Bäumen, Flüssen und Moos. Es sieht aus, als wäre der Park in einem Disney-Märchenland gebaut worden, allerdings ohne Feen, Einhörner und Kobolde…obwohl die Baumhäuser durchaus für all diese Märchenwesen als Zuhause dienen könnten.

20180607_031714Stefan und ich werden beim Ankommen mit Zitronenkuchen begrüßt und durch das Haupthaus auf dem Grundstück geführt, das zugleich auch für das Frühstück am nächsten Tag dient. Die Haupthaus-Lodge ist eine Stil-Mischung aus einem englischen Cottage und einem amerikanischen Countryhaus mit langgezogenen Holzdielen, Lichterketten über dem Eingang und schwerfälligen Sesseln, in denen man versinken kann. An den Wänden hängen Bilder von der Gegend, dem Team und natürlich T-Shirts, die man von den Baumhausprofis erwerben kann. Im hinteren Teil des Gebäudes befindet sich eine Art Bibliothek mit Kamin, vor dem man gemütlich seinen Tee trinken und ein paar E-Mails schreiben kann – die Lodge ist auf dem Gelände nämlich der einzige Ort, an dem es Internet gibt, schließlich ist das Motto hier: „Connect with and disconnect from the world.“

IMG_0081Mit einem Übersichtsplan vom Gebäude in der Hand, machen wir uns schließlich auf den Weg zu unserem Baumhaus. Unsere Unterkunft für die Nacht heißt „Nest“ und man gelangt über Brücken, unter denen glasklares Wasser durchfließt, und schmale Kiespfade dorthin. Die Treppen werden abends beleuchtet und das „Nest“ empfängt uns mit heller Fensterfront, Schokoladenpralinen und dem Geruch nach Kiefernadeln.

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Groß ist es nicht, aber das würde wohl auch dem Namen und dem klassischen Baumhausstil widersprechen. Die Decken haben einen bunten Vogelaufdruck und man kann aus lindgrünen Sesseln auf das Wasser unterhalb des Baumhauses sehen. Eine Veranda zieht sich außen herum mit zwei Holzstühlen und einem kleinen Tisch. Da es eins der ersten Baumhäuser und auch das einzige mit einem Motto, ist, hat das Baumhaus noch kein Bad, ABER bevor hier empörtes Geschrei losgeht: Nur ein paar Schritte von dem Häuschen entfernt gibt es ein kleines, aber sehr schick und modern angelegtes SPA-Haus mit Regendusche und wunderschöner Holzvertäfelung.

IMG_0100Wenn man den Park weiter durchquert, sieht man alle sieben Baumhäuser der ehemaligen neun (zwei mussten aufgrund von dem Fluss am unteren Teil des Parks abgebaut werden). „Trillium“ ist dabei das Baumhaus mit der größten Glasfläche, „Temple of the blue moon“ ist das erstgebaute der Baumhäuser und „Bonibi“ (mit Hängebrücke) ist das Hochzeitsbaumhaus. Unter diesem fließt auch der Fluss entlang, an dem man ein Stück entlangwandern und die mit Moos überzogenen Äste bewundern kann. Es sieht so aus, als hätten die Bäume sich eingepackt, um sich vor Wind und Wetter zu schützen, aber das macht den Ort nur noch mystischer, als er ohnehin schon ist. Hin und wieder sieht man ein Eichhörnchen durch die Gegend rennen und auf einer großen Holzfläche mit Überdachung findet eine Hochzeitsfeier statt.

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IMG_0060Das Baumhaus aber schirmt einen von all dem ab und das Bett hat die bequemste Matratze aller Zeiten, aus der man beim Filme anschauen gar nicht mehr aufstehen will. Die einzigen Geräusche beim Augenschließen sind die Vögel in den Bäumen ringsum und das Wasser unterhalb des Hauses. Wenn irgendein Ort das Motto „disconnect from the world“ besser umsetzt, wäre ich sehr überrascht.

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Preise:
Nacht im Baumhaus: 300$ (abhängig von der jeweiligen Saison). Preis gilt für zwei Personen inklusive Frühstück.
Website: http://www.treehousepoint.com/
Die Serie „Baumhaus Profis“: https://www.dmax.de/programme/die-baumhaus-profis

Tipps:
Wenn ihr interessiert seid an einer Nacht im Baumhaus – man kann zu bestimmten Zeiten, die auf der Website festgehalten sind, im Voraus buchen. Oder ihr versucht es spontan und habt vielleicht noch Glück.
Ich verlinke euch hier als Tipp auch noch das „Yellow Church Café“: http://www.theyellowchurchcafe.com/.

Warum man Idaho nicht unterschätzen sollte – 7 Things to do in Idaho

Warum man Idaho nicht unterschätzen sollte – 7 Things to do in Idaho

Da wir sowohl an der Grenze, als auch im Land oft Kommentare gehört haben, die größtenteils lauteten: „Was zum Teufel wollt ihr in Idaho?“, habe ich beschlossen, ein paar Gründe zu finden, die für einen Aufenthalt in dem Kartoffelstaat sprechen. Ich muss dazu sagen, dass ich nicht wirklich suchen musste. Mir ist der Staat ans Herz gewachsen, schon allein aufgrund der Tatsache, dass er die Gelassenheit aus Westernzeiten ausstrahlt und die Leute alle sehr entspannt und zufrieden mit ihrem Leben dort sind. Abgesehen davon hat Idaho eine wunderschöne Landschaft mit Canyons, Flüssen und Seen, Bergen und vielen Pfaden, die man laufen kann und im Winter kann auch eine Menge Schnee fallen. All diese Ereignisse finden natürlich immer wieder mit Country-Hintergrundmusik statt (wenn sie grillen, läuft irgendwo ein Radio, wenn sie unterwegs sind, nehmen sie eins mit) – egal, ob du Country magst oder nicht… am Ende musst du es mögen, du hast schließlich keine andere Wahl.
Aber kommen wir zu den Dingen, die auf Anhieb zusagen:

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  • Quad fahren

Oder sollte ich eher, wie hier üblich, „ATV“ sagen? Idaho kann im Frühling unglaublich grün und strahlend sein, im nächsten Augenblick aber auch an eine Wüste erinnern. Egal welches von beidem zutrifft, mit dem Quad eine Tour durch die Umgebung und die Orte zu machen, ist eine der besten Erfahrungen überhaupt. Es macht Spaß; es ist aktiv, man sieht viel von der Gegend und man wird definitiv wach durch den Adrenalinkick, der beim Fahren einsetzt. Solange man vor der geplanten Tour die umliegenden Routen gecheckt und getankt hat, kann eigentlich nichts schiefgehen. Wasser mitzunehmen ist übrigens erlaubt, bei Essen sollte man eine Art geruchsdichten Kanister namens „Bear Can“ besorgen – Idaho hat einige Sicherheitsvorkehrungen wegen Bären und Pumas.

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  • Wasseraktivitäten

Mit dem Boot fahren oder fischen gehen, steht weit oben im Kurs, wenn es um die Wochenendfreizeit geht. Um die Hauptstadt Boise herum gibt es viele Gebiete mit Stau- und Schwimmseen. Die Stauseen schlängeln sich dabei ein Stück weit durch die Canyons und man kann an einigen der Häfen Boote für einen Tagesausflug leihen.

  • Hot Springs

Da ich gerade schon beim Thema „Wasser“ bin… Der kleine Ort Idaho City (ca 40 Minuten von Boise entfernt) hat eine fantastische kleine Therme mit Sauna, Jacuzzi und einem angegliederten Café. Die heiße Wasserquelle kommt direkt aus den Bergen und man genießt aus dem Becken den Blick in die Idylle. Am Pool dürfen Getränke bestellt und getrunken werden und natürlich bekommt man jederzeit seine Eiswürfel ins Wasserglas. Wenn man mehr Wert auf die Privatsphäre legt, gibt es auch einige Hütten mit eigenen Becken darin, die man für sich oder als Gruppe reservieren kann.

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  • Idaho City

Falls jemand auf der Suche nach dem klassischen Wilden Westen ist, kommt er vermutlich nicht näher dran, als in dieser ehemaligen Goldgräbergegend. Hier steht die Zeit still und man kann die beste, selbstgemachte Eiscreme auf einer weiß-pinken Veranda essen, von der man sich bestens vorstellen kann, wie früher Pferde an sie angebunden wurden. Alle Eissorten sind einzigartig und garantiert ungewöhnlich; Namen wie „Death by Chocolate“, „Birthday Cake“ und „Rocky Road“ tauchen im Sortiment auf und ihr solltet sie alle dringend probieren (schließlich sind zum Teil Smarties, Kekse, Streusel oder Marshmellows darin verborgen und mal ehrlich…wer würde das nicht wollen?!).

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Wem Eis zu süß ist, der kann auch einfach ins Restaurant nach nebenan schlendern. Trudy’s Kitchen bereitet alles zu, was man mit Amerika verbindet – in Portionen, die man mit Amerika verbindet. Die Tische sind mit weiß-rot-karierten Decken belegt und von der Decke baumeln die seltsamsten Küchenutensilien – auf jeden Fall sollte man das Steak und den Chocolate-Rasberry-Cheesecake probiert haben.
Und für diejenigen, die ohne Hunger in den Ort kommen (ich kann euch allerdings nur raten, VIEL Hunger zu empfinden) – der Ort hat einen kleinen Souvenirshop mit handgemachtem Schmuck, ein winziges Museum, das einen guten Überblick über die Goldgräberzeit gibt und den verwunschensten Friedhof, den ich je gesehen habe. Aber ein bisschen was zu Idaho City werden ihr bestimmt noch am Ende unserer Reise hören.

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  • Boise

Die Hauptstadt ist gefühlt nicht besonders groß, zumindest nicht so groß wie man sich eine Hauptstadt vorstellen würde (die Einwohnerzahl liegt hier bei ca 223.000). Sie hat aber eine gute Auswahl an Shops, wie beispielsweise die Boot Barn, wo man sich selbstgemachte Cowboystiefel besorgen kann und eine Menge Outletcenter, wenn man auf die Schnelle ein paar günstige Kleinigkeiten benötigt. Außerdem gibt es im Zentrum mehrere Bars, die selbstgebrautes Bier anbieten – auch wenn die Marke, die am meisten getrunken wird Coors heißt und es sich dabei um ein sehr helles Bier handelt.
Die Stadt ist außerordentlich gut strukturiert und sauber, es gibt viele kleine Brunnen im Zentrum und größere Flächen für Märkte oder andere Veranstaltungen. Einen Besuch ist sie auf jeden Fall wert!

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  • Birds of Prey

Etwas außerhalb von Boise befindet sich die Birds of Prey Jagdvogel Anlage. Die Station für die Vögel ist nicht besonders groß, dafür aber sehr übersichtlich gestaltet und man kommt unwahrscheinlich nahe an die Tiere heran. Von Geiern über Bussarde und Adler bekommt man viel zu sehen und man kann in Einzelvorstellungen gehen, wo man mehr über die Tiere und ihre natürliche Umgebung erfährt. Ich empfehle den Ausflug auch für Familien; schon allein deshalb, weil die Orientierung der Anlage sehr praktisch gestaltet ist und die Kinder an alle Käfige herantreten können.

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  • Baked Potato oder Potato Salad essen und ein Coors trinken

Idaho wird auch der „Kartoffelstaat“ genannt. Grund dafür: Aus Idaho stammen die bekannten, großen Kartoffeln die zum Füllen und Aufbacken verwendet werden. Und sie werden ihrem Image so gut wie immer gerecht: sie machen die besten Kartoffelsaladkreationen überhaupt und man bekommt sie in jedem Diner, das man passiert! Um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung mehr, wie viele unterschiedliche Sorten Kartoffelsalat ich mittlerweile gegessen habe, aber keine hat dem anderen ähnlich geschmeckt…
Klassisch wird zum Kartoffelsalat meistens ein Bier gereicht – so unterschiedlich sind die Deutschen und die Amerikaner scheinbar auch wieder nicht- und natürlich wird ein Steak gegrillt (und nein, auch wenn ich vom Wilden Westen gesprochen habe, dieses Steak wurde von uns nur im Supermarkt gejagt und nirgendwo sonst!).

 

Besteht Interesse an einigen Rezepten aus Amerika? Ich komme hier ganz gut rum und überlege, am Ende ein paar Sachen zusammenzufassen 😉

Preise:
– Hot Springs Idaho City: http://www.thespringsid.com/
Eintritt: 11$ Kinder, 17$ Erwachsener
– Eisdiele Idaho City: https://www.facebook.com/sarsaparillaicecreamparlor/
– Trudy’s Kitchen Idaho City: https://www.facebook.com/trudyskitchen/
– Birds Of Prey: http://www.peregrinefund.org/visit
Eintritt: 5$ (4-16), 10$ Erwachsener, 5$ Senioren

Tipps:
– Versucht niemals den Radiosender zu wechseln, wenn ihr mit den Amerikanern unterwegs seid. Sie finden es nicht lustig, wenn man etwas anderes als Country zu hören versucht… abgesehen davon gibt es eigentlich kaum Sender, die KEINE Countrymusik abspielen.
– Wenn ihr euch ein Quad für den Aufenthalt besorgen möchtet, checkt einfach mal die Tankstellen in der Umgebung. Viele von ihnen vermieten ihre ATVs.

 

 

Tiramisu-Tour – Sechs Stunden im Jeep

Tiramisu-Tour – Sechs Stunden im Jeep

Sieben – Über Nipple Mountain, den Mars und die Kreativität von Namensgebung

Für Personen, die sich schon immer dem Wilden Westen näher fühlen wollten, ist die Umgebung vom Bryce Canyon vermutlich ein wahr gewordener Traum. Wir schlafen eine Nacht in einem Hotel außerhalb, bei dem die Häuser aussehen wie Westernbars  und die Namen tragen, wie „Wrangler“, „Horse“ und „Saloon“. Die Zimmer in den Hotels und Motels sind übrigens immer sehr weitläufig geschnitten; für uns Deutsche ist es nur etwas irritierend, wenn die Zimmer „Twin Beds“ (also zwei Betten) haben. Das liegt scheinbar daran, dass es so gut wie nie Apartments zu mieten gibt, sondern die meisten Familien ein Zimmer zusammennehmen. Der nächste Nationalpark neben dem Bryce Canyon ist der Capitol Reef Nationalpark, der weit weniger von Touristen belagert wird. Das könnte mit der Tatsache zusammenhängen, das der Park größer und weniger gut befahrbar ist. Die Straßen sind nicht geteert und ohne ein geländetaugliches Auto sollte man sich nicht in die Gegend verirren. Die Straßen werden von den Rangern in der Umgebung gewartet und kontrolliert, weshalb man wohl auch einen Blick auf die Schilder am Parkeingang, mit all ihren Warnhinweisen, werfen sollte. Wir haben im Voraus eine 6-stündige Jeeptour gebucht, die von einem kleinen Unternehmen ab diesem Jahr angeboten wird. Sie holen uns direkt am Capitol Reef Resort ab und da wir sechs Personen sind, brauchen wir zwei Jeeps. Unsere Tourguides und Fahrer haben beide übrigens außergewöhnliche Namen; Skylar und Rockwood – sie klingen allerdings immer noch ziemlich normal als Skylar mitteilt, dass er einen Bruder namens „Canyon“ hat. Auf unsere irritierten Blicke hin zuckt er die Achseln: „Meine Mutter war kreativ.“
„Immerhin kannst du von dir sagen, dass du einen Canyon in der Familie hast.“
Er schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen an: „Warum sollte man das wollen?!“

Wenn man mal davon absieht, dass Rockwood mehrere gebrochene Finger hat, während er den Jeep fährt, ist die ganze Fahrt natürlich auf Sicherheit ausgelegt; schließlich wurden sogar Kühlboxen voller Bier angeschnallt. Wer vorher noch nie Jeep gefahren ist, sollte sich auf eine Menge Geruckel einstellen und wird am Ende einige Schritte mehr auf seinem Schrittzähler haben, ohne je seine Beine in Bewegung gesetzt zu haben (damit will ich jetzt niemanden, der einen Step-Tracker benutzt, dazu animieren einfach mehr Auto zu fahren…).

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Obwohl die Nationalparks nicht weit voneinander entfernt sind, haben sie völlig unterschiedliche Steinformationen und Farben. Man nennt die Gegend zwar „Red Canyons“ Areal, aber während Bryce in rot und orange strahlt, ist Capitol Reef eine Mischung aus grau, rot, orange, weiß und ja, teilweise sogar violett. Man kommt sich vor, als wäre man irgendwo auf dem Mars ausgesetzt worden und völlig auf sich allein gestellt. Ich bin ziemlich sicher, dass irgendwo in dieser Gegend auch der riesige Wurm aus „Dune – Der Wüstenplanet“ wohnt…

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Wir sehen auch nicht allzu viele andere Autos im Park, was erstens vielleicht daran liegt, dass das Wetter nicht ganz so mitspielt, wie wir es uns vorgestellt haben, zweitens ist die Gegend ziemlich unübersichtlich und wenn man kein Fahrzeug hat, das durch Bäche fahren kann, sollte man es vermutlich lieber lassen. Wir erfahren auf jeden Fall viel über die Umgebung durch unsere Fahrer und stoppen zuerst bei einem Canyon, wo wir etwas über Goosenecks lernen. Goosenecks sind die nach rechts geprägten Kurven in den Canyons, die durch ehemalige Flüsse entstanden sind und durch das Wasser geformt wurden. Durch sie sehen die einzelnen Gesteinsschichten noch mehr danach aus, als wären sie aufeinander gestapelt worden. Der älteste Stein, Sandstein, ist dabei 280 Millionen Jahre alt.

IMG_0310Wir stoppen auch bei einem kleinen Mormonenhaus, das 1882 von einem Siedler namens Elijah Cutler Behunin gebaut wurde und seitdem Behunin Cabin genannt wird. Das Haus hat nur einen einzigen Raum, in dem die Familie mit 11 Kindern gelebt hat (vermutlich in gestapeltem Format). Sie zogen damals aber bereits nach einem Jahr wieder aus, da die Gegend zu isoliert und von der Flut gefährdet war. Die Familie ging danach in ein Dorf namens Fruita. Die Besonderheit hierbei ist, dass bei diesem Dorf seit damaliger Gründung die Regel gilt, dass alle Früchte, die auf dem Dorfgelände wachsen, kostenlos konsumiert werden dürfen (allerdings darf man sie nicht mitnehmen).
Skylar erklärt uns zudem, dass die Schilder in Fruita und im Canyon zum größten Teil falsch ausgezeichnet wurden und die Leute hier allgemein in der Namensgebung von Orten nicht sonderlich kreativ sind. So gibt es zum Beispiel eine Stadt namens Blank, weil ihnen einfach kein Name eingefallen ist und einen Ort namens No Tom, weil die Personen im Ort beschlossen haben, dass der Ort nicht nach jemandem benannt werden soll, der dort schon wohnt. Scheinbar war Tom nicht im Ort vertreten.

Amerika 2 122Mit den Jeeps holpert man von dem Eingang des Parks ein gutes Stück in die Mitte, damit man näher zu den Attraktionen gelangt. Am bekanntesten ist dabei der Temple of the sun und der Temple of the moon. Falls ihr schon einmal in Mexiko wart, könnten euch diese Namensgebungen schon bekannt sein, denn sie wurden auch für die aztekischen Tempelanlagen benutzt. Der Sonnentempel ist dabei übrigens immer der Größere der beiden. Anfassen darf man die Attraktionen aber nicht mehr, da die Ranger eine zu hohe Einsturzgefahr darin sehen. Die Tatsache, dass das Material so bröcklig ist, ist auch der Grund, warum in der Umgebung keine Gebäude mit dem Stein gebaut werden – er ist zu instabil und zu bröselig in der Bearbeitung. Auch in früheren Zeiten wurde er nicht dafür verwendet; die ersten Einwohner haben ihn aber zum Teil zur Herstellung von Farben benutzt und einige Zeichnungen auf den Stein gemalt. Die Forscher in der Gegend sind deshalb immer wieder mit Freilegungen von Skizzen beschäftigt, wobei der Großteil von ihnen sich eher mit den Mineralablagerungen im Stein befasst. Die Ranger der Umgebung haben dafür eine Menge mit der Entfernung von touristischen Skizzen an den Wänden zu tun, die die Leute selbst natürlich als uralt betiteln. 

Amerika 2 131Neben den Tempeln befindet sich ein weiterer, kleinerer Berg; für uns definitiv die eigentliche Hauptattraktion. Der Glass-Mountain ist ein Hügel bestehend aus Glasscherben, die aufeinandergestapelt in die Höhe ragen und in den unterschiedlichsten Farben schimmern. Wenn irgendetwas nicht so aussieht, als wäre es von dieser Welt, dann ist es wohl dieser Berg (Skylar erwähnte übrigens, dass in dieser Gegend besonders viel Alienforschung betrieben wird – es schien nie glaubwürdiger als hier). Das Seltsamste daran ist, dass bisher nie geklärt wurde, wie Glass Mountain entstand und er ist auch der einzige Berg im Tal, der Glas aufweist.

Amerika 2 114Weiter im Park fährt man vorbei an vielen Felsformationen, die alle ihren eigenen Namen, wie beispielsweise Nipple Mountain haben und passiert tiefliegende Täler und die unterschiedlichsten Pflanzen. Wasserstellen gibt es kaum welche und auch Hoodoos sind selten – vermutlich wegen der Zusammensetzung des Steins. Tiere sehen wir auch nicht viele; es gibt einige Rinder und Vögel, ansonsten ist die Gegend aber hauptsächlich bekannt für Schlangen (sehr beruhigend…).

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Wir sehen kurz vor dem Ende der Tour noch eine große Aussichtsplattform bei der man weit über den Canyon blickt; allerdings ist er so gigantisch, dass man vermutlich nie alles sieht. Auf dem Rückweg befindet sich auch einer der verrücktesten Aussichtspunkte bisher – eine Art Marslandschaft mit runden Hügeln, die man nur bei gutem Wetter befahren kann. Die Berge sehen aus als wären sie mit Kakaopulver bepudert worden und erinnern mich an Tiramisu. Sie wirken auch dann noch unecht, wenn man neben ihnen steht.

IMG_0330Im Tal vor der Ausfahrt steht zudem noch ein riesiger, verrosteter Truck mit einer großen Bohrmaschine auf dem Anhänger. Wie es scheint, haben die damaligen Arbeiter ihren schicken, neuen Truck hinausgefahren, um an einer Stelle ein Loch für Wasser zu bohren, den Truck dann aber an der falschen Stelle abgestellt, sodass er sich quasi selbst versenkt hat. Die Bergung war unmöglich und die Wut groß, aber seitdem kommen die Rinder immer wieder zu ihrem nicht ganz fertigen Trog zurück. 

Wenn man nach sechs Stunden im Jeep wieder auf seinen eigenen Füßen steht, ist man ziemlich gerädert. Ich muss aber auch sagen, dass man eine Menge Eindrücke gesammelt hat und dieser Nationalpark einer der Orte war, an dem man außerhalb jeglicher Zeit existiert.

Was war der beeindruckendste Ort, an dem ihr bisher wart?

 

Preise:
Jeep-Tour: 180 $ pro Person (für 6 Stunden). Es werden auch kürzere Touren angeboten.
Website: https://capitolreefresort.com/safari-jeep-tours/

Tipps:
1) Es gibt auch Pfade die man in dem Park laufen kann, aufgrund der Tatsache, dass wir nur einen Tag in der Gegend hatten, haben wir uns für die Tour entschieden.
2) Fahrt nicht selbst in den Park. Die Ausschilderung ist wirklich ein Chaos und von vielen Straßen weiß man nicht, wie weit man kommt. Die Jeeptour war wirklich die beste Lösung für uns.
3) Wenn ihr ein gutes Restaurant oder Diner in der Umgebung sucht – Das Capitol Reef Inn and Café ist großartig und die Preise sind nicht zu hoch.

Lost in Red – Unterwegs im Spargeltal

Lost in Red – Unterwegs im Spargeltal

Sechs – Über Bryce Canyon, asiatische Einhörner und Flipflops

Wir haben nach Seattle ein paar Tage in Idaho verbracht, allerdings bin ich nächste Woche noch dort und gebe euch dann einen detaillierten Bericht zu all dem, was man dort machen kann. Mit unseren Freunden haben wir einen Ausflug zum Bryce Canyon Nationalpark geplant, der von Idaho, Boise, etwa neun Stunden entfernt ist. Allerdings ist das alles machbar, wenn man als motivierte Gruppe im Auto sitzt und sich bei den Stops (die zum Teil gefühlt am Ende der Welt sind) die Beine vertreten kann. Wir fahren ein Stück durch den Bundesstaat Oregon und im Anschluss immer noch einen langen Teil durch Idaho, bis man Salt Lake City passiert und 80 Meilen nur an der Stadt vorbeifährt (so spannend ist die Stadt leider nicht, dass die 80 Meilen irgendeinen guten Aussichtspunkt bieten würden). Aber der letzte Abschnitt in die Canyongegend ist sehr schön, wenn zu allen Seiten hohes, rotes Gestein aufragt und man dazwischen Bachläufe und Streifenhörnchen (Chipmunks) sieht.

Amerika 3 008Es gibt im Bryce Canyon mehrere Hotels und Ferienhäuser, wie bei allen Nationalparks sind die aber oft im Voraus ausgebucht und um einiges teurer. Wir haben ein Zimmer in einem Hotel außerhalb organisiert, das in einem kleinen Dorf voller Blockhütten namens Tropic liegt und mitten in die Bergschluchten gebaut wurde. In der Umgebung gibt es alles was man braucht, auch wenn diese Ferienorte natürlich sehr touristisch ausgelegt sind und vorrangig vor allem Essen angepriesen wird. Auf dem Gelände unseres Hotels steht in der Mitte eine kleine Ranch im Westernstyle mit Holzverkleidung und Feuerstelle vor der Tür , zu der man zum Abendessen laufen kann. Drinnen wird Countrymusik gespielt und es ist eine gemütliche Atmosphäre mit Bänken, tiefhängenden Lampen und Metallschildern an den Wänden, die Aufschriften haben, wie: „Want a stable relationship? Get a horse.“

Amerika 3 011Der Bryce Canyon ist zwar 56 Quadratmeilen groß, kommt einem von der Aussicht aber immer noch überschaubar vor, wenn man die Randpunkte von dem sogenannten „Rim Trail“ abläuft. Der Pfad zieht sich an der oberen, äußeren Kante entlang und zeigt das ovale Tal des Canyons aus einer Höhe von circa 2500 Metern. Die Steine im Canyon sind orange-rötlich verfärbt und werden „Hoodoos“ genannt. Ein Hoodoo hat eine dünne Spitze mit einigen, eher losen Steinen oben drauf gestapelt, die so aussehen, als würden sie jeden Moment herunterfallen. Sie sind um die 15 Millionen Jahre alt und bekamen ihre Farbe durch Mineralablagerungen in der Erde. Der bekannteste Hoodoo steht am Sunset Point und wird „Thor’s Hammer“ genannt. Warum erübrigt sich beim genaueren Hinsehen wohl. Wenn man von oben ins Tal späht, sehen die vielen, nebeneinander aufgereihten Steine wie Spargel aus, weshalb ich persönlich alle Aussichtspunkte ins „Spargeltal“ umbenannt habe.
IMG_0229Wir beschließen ein Stück des Rim Trails zu laufen, von dem aus man eine gute Sicht auf die Hauptattraktion bekommt und der nicht ganz so lange dauert, wie die anderen Strecken. Man sollte den Wind allerdings nicht unterschätzen; auch wenn die Sonne am Himmel steht, habe ich ab dem darauffolgenden Tag Schnupfen. Man kann von mehreren Punkten aus einen der Pfade durch den Canyon starten. Die Länge der einzelnen Strecken wird normalerweise auf Schildern mit den Namen der Pfade angegeben; man sollte sich aber bei allen Wegen bewusst sein, dass es ganz schön steil werden kann (letztendlich startet man ja am oberen Rand des Canyons und läuft dann nach unten – wenn man sein Auto wiedersehen will, muss man logischerweise auch wieder den Berg hinauf. Scheint ein ziemlich abstraktes Prinzip für viele Personen zu sein, die mit ihren Flip Flops vor sich hinrutschen und sie auf dem Rückweg ausziehen). Ich würde sagen, es gibt nichts, was es nicht gibt, wenn man die Leute „wandern“ sieht. Die Pfade sind verhältnismäßig schmal und steil und trotzdem gibt es immer noch Familien, die versuchen, ihren Kinderwagen mit nach unten zu nehmen. Wenn sie dabei von Rangern gebeten werden, den Wagen sofort wieder mit hoch zu nehmen, ist das Geschrei natürlich groß, weil die circa einjährige „Annabelle Joanne Crystal“ nicht alles sehen kann und sich dann NIEMALS an diesen tollen Familienausflug erinnern wird (mal davon abgesehen, dass man sich mit eins garantiert nicht an sowas erinnern kann). Es gibt aber auch Personen, die die Strecken in Chucks, Sandalen und High Heels (?!) durchziehen…zumindest bis sie merken, dass sie ja wieder nach oben müssen oder irgendwo stecken bleiben. Daraufhin wird meistens panisch ein Handy rausgeholt und wenn sie dann realisieren, dass sie kein Netz haben (surprise, surprise, zwischen den Hoodoos wurden keine Glasfaserkabel für Wifi verlegt), ist der Tag eh gelaufen. Außerhalb der Pfade gibt es auch mehrere Blockhäuser mit Cafes, ein Visitor Center, das Souvenirs, Karten und Nationalparkpässe verkauft, sowie etwas über die Geschichte des Canyons erzählt. Außerhalb des Parks findet man einige Häuserreihen aus Holz, die im Westernstil gebaut wurden und bei denen man Eis, Mittag- oder Abendessen und allerlei Kleinkram kaufen kann.

IMG_0215Wir sitzen auch neben einer Eisdiele, vor der eine Gefängniszelle aufgebaut wurde, die man vermutlich für sein Instagram-Profil nutzen sollte…wenn nicht gerade lauter mexikanische Kinder darin feststecken, die sich abwechselnd einsperren und dabei stundenlang von ihren Eltern fotografiert werden. Man kann sich übrigens auch Quads ausleihen, wenn man in der Nähe des Canyons Touren machen will oder man entscheidet sich für eine Pferdetour durch den Canyon.

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Wenn ihr die Zeit habt, solltet ihr unbedingt auch einmal am Abend zum Sunset Point zurückkehren, weil der Sonnenuntergang im Canyon die Steine noch rötlicher erscheinen lässt und es ein wirkliches Highlight ist. Abgesehen davon sind die unglaublichsten Menschen um diese Uhrzeit unterwegs, wie beispielsweise eine Asiatin im pinken Einhornkostüm und mehrere Leute, die mit ihren Campingkochern oben an der Kante des Canyons hocken.

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IMG_0239Stefan und ich beschließen am zweiten Tag den bekanntesten Pfad namens „Navajo Loop Trail“ zu laufen, der am Sunset Point beginnt. Viele der Wege im Canyon lassen sich miteinander kombinieren und wir planen eine größere Runde zu laufen. Wir verabreden uns mit meiner Familie zu einem Zeitpunkt und entschließen uns hinter einigen der Asiatengruppen loszulaufen. Oftmals muss man beim Überholen der Personen wirklich aufpassen, weil es so gut wie keine Geländer im Canyon gibt (die deutsche Sicherheitsbehörde würde wahrscheinlich ausrasten). Vorbei an „Thor’s Hammer“ kommt man zu der „Wall Street“ im Canyon, die natürlich nichts mit Geld zu tun hat, sondern vielmehr so heißt, weil man links und rechts von Wänden aus Stein eingekesselt wird. Ein Blick nach oben bestätigt, dass auch dort nur eine schmale Lücke ist. Am schönsten ist das Licht, das ins Tal fällt. Man steht in einem orange-ausgeleuchteten Saal, der einen an Terracotta Steine und Sanddünen denken lässt und das ganze Licht zu speichern scheint, als würde er es später noch brauchen. Stimmen hallen in diesem Teil des Canyons und es kommt einem falsch vor, seine eigene überhaupt zu erheben, weil es die Atmosphäre unterbricht (könnte allerdings auch nur mir so vorgekommen sein; die Personen mit klatschendem Flip-Flop-Style fanden es offensichtlich nicht so störend). Wenn man erstmal unten im Canyon steht, erstreckt sich eine weite, flache Landschaft vor einem. Man kommt aber schnell ins Keuchen, wenn man den Peek-A-Boo-Loop-Trail hoch in die Hoodoo-Berge nimmt. Vorbei an Personen, die ungerührt ihre Hängematten im Canyon aufspannen, Chipmunks, die ihre Pfoten auffordernd in deine Richtung ausstrecken und mehrere Reitergruppen, geht es weit hinauf ins Spargeltal.

IMG_0289Dabei hört man abwechselnd deutsche Sprachfetzen oder die Woohoo-Girls hinter uns, die an allen Punkten stehen bleiben, „woohoo“ schreien und miteinander einschlagen. Nur eine von ihnen hat sich darauf verlegt, zwischendurch „fuck yeah“ zu brüllen, weil sie angeblich in einem Nespresso-Shop arbeitet und ihre Mitarbeiter immer mit diesen Worten anstoßen, wenn sie etwas tolles erlebt haben.

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Stefan und ich brauchen gute drei Stunden bis wir wieder am Anfang stehen und wir sind beide durchgeschwitzt und haben Hunger. Wir laufen in Richtung unseres verabredeten Platzes, an dem wir früher ankommen, als ursprünglich geplant und an dem wir weder unsere Leute noch das Auto vorfinden. Etwas peinlich wird es, als wir uns im Shop nahe dem Parkplatz etwas zu essen holen und uns dann auf den Bürgersteig setzen, weil alles andere belegt ist. Wir kauen ca 15 Minuten auf unseren Sandwiches herum, bis mein Blick auf das Auto gegenüber von unserem Sitzplatz fällt: „Äh…Stefan…ist das nicht unser Auto?“

 

Ich würde mich über eure Meinung freuen – vielleicht habt ihr ja auch schon seltsame Menschen auf Wanderwegen getroffen?

Preise:
Nationalpark: 35$ pro Auto (beziehungsweise 35$ für alle Personen zusammen, die im Auto sitzen).
Website: https://www.nps.gov/brca/index.htm

Tipps:
1) Es lohnt sich am meisten einen „Annual Pass“ für die Nationalparks zu holen, der ein Jahr gültig ist und mit dem ihr in jeden Nationalpark hereinkommt. Der Preis beträgt 80$ pro Auto (was wirklich günstig ist, wenn du weißt, dass du mehrere Parks geplant hast).
2) Die „Visitor Center“ bieten immer wieder Karten an, die die genauen Wanderwege eingezeichnet haben. Ich würde das empfehlen, wenn ihr geplant habt, innerhalb der Canyons zu laufen.
3) Man kann auf den Seiten der Nationalparks ansehen, wann die Sonnenuntergänge am Abend sein werden – sehr praktisch, wenn man genau dafür an einem bestimmten Punkt sein möchte.

Welcome to America

Welcome to America

Fünf – Die Typen aus Idaho, Seattle und der verwirrte Busfahrer

Heute ist der Tag an dem wir über die amerikanische Grenze fahren und von dort aus durchrasen bis Seattle. Die Fahrzeit an sich ist eigentlich nicht lang, aber wer weiß schon, wie viel Zeit die Grenze in Anspruch nehmen wird. Da Stefan und mein Vater darauf bestehen, haben wir unser Frühstück ein letztes Mal bei Fatburger (so langsam stellt sich in meinem Kopf die Gleichung Kanada = Fatburger auf), allerdings ist das ganz allgemeine Frühstück hier sehr gut; mit Toast, Eiern und gerösteten Kartoffeln (wahlweise natürlich noch mit Poutine).

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Die Fahrt zur Grenze dauert ungefähr eine Stunde, was uns als schnell erscheint. Zumindest bis wir vor den Schlangen zur Einreise stehen und feststellen, dass es ein Grenzverfahren namens NEXUS gibt, das registrierten Personen, die Verbindungen nach Amerika und Kanada haben, bevorzugt. NEXUS-Angehörige bekommen einen Extra-Pass, den sie lediglich vor die Kamera halten müssen und der schnell gescannt wird. Bis sich die Autos in eine Schlange eingeordnet haben, vergeht allerdings eine Ewigkeit und die meisten Menschen wechseln die Spuren immer noch mehrfach, scheinbar nicht sicher, ob sie einen Pass besitzen. Wir stehen gute zwei Stunden bis wir an die Grenze kommen und mit gefühlt 50 000 Fragen gelöchert werden, wie: „Woher kommt ihr?“, „Was tut ihr hier?“, „Was habt ihr vor?“ Die Tatsache, dass wir drei Monate bleiben und nach Idaho zu unseren Freunden fahren, macht sie nur noch misstrauischer: „Wer zum Teufel will bitte nach Idaho?“‘

Es endet damit, dass wir unsere Pässe im Nebengebäude stempeln lassen müssen und in einer Schlange mit Indern, Asiaten und weiteren Deutschen stehen. Ich muss nicht erwähnen, dass die Schlange hier auch wieder ewig lang ist und zusätzlich niemand vom Personal arbeitet, oder?
Von den circa zehn Schaltern sind drei besetzt und die Personen von einem Auto zu bearbeiten, dauert mindestens 15 Minuten. Wir stehen für gut eine Stunde in der Schlange, bevor wir von einem Mitarbeiter heran gewunken werden, der Jamie Lannister aus „Game of Thrones“ erstaunlich ähnlich sieht. Er steht allerdings mitten in der Bearbeitung plötzlich auf und zuckt die Achseln: „Ich muss jetzt los. Stellt euch einfach wieder vorne in die Schlange.“ Damit geht er dann davon und wir werfen uns verwirrte Blicke zu. Alle anderen Beamten stehen bereits draußen zur Bearbeitung irgendeines Zwischenfalls und jetzt gibt es drinnen nur noch eine einzige Person, die vor uns arbeitet…beziehungsweise die Kasse bedient. Wir stehen weiterhin, bis sich endlich eine Tür öffnet und ein paar der Beamten wieder hineinkommen. Ganz vorne die Frau, die uns erst in dieses Gebäude verfrachet hat. Sie hockt sich hinter ihren Computer und ihr Blick geht über die Wartenden hinweg, dabei murmelt sie vor sich hin: „Kenn ich nicht, kenn ich nicht…“, bis ihr Blick bei uns ankommt und sie die Augen zusammenkneift: „Oh. Drei Monate in Idaho…“

Für einen Stempel über die Grenze zahlt man aktuell 6$, die Zeit, die man dabei verliert, sollte man allerdings im Gedächtnis behalten, wenn man sich weitere Pläne für den Tag gemacht hat.

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Seattle ist zwar nicht so weit von der Grenze entfernt, die Stadt ist aber groß genug, dass man auf dem Highway eine Ewigkeit braucht, weil die meisten Personen in die Innenstadt fahren wollen und alle Abfahrten von diesem einen Highway abgehen. Als wir im Hotel ankommen, sind wir gerädert und fertig und haben bereits frühen Abend. Das Hotel liegt außerhalb von der Stadt, aber direkt darum herum ist nichts außer einigen Fastfoodketten und Industriehallen. Wir beschließen in die Innenstadt zu fahren und etwas zu essen. Es ist leider etwas spät, um Sightseeing zu machen, dabei hat Seattle viele coole Angebote, wie Bootstouren, einen Turm mit 360 Grad Sicht, Aquarien und Touren mit einer Lokomotive. Eine der besten Sachen an Seattle ist der Skytrain (Seattle Center Monorail), mit dem man von außerhalb ins Zentrum der Stadt fahren kann. Der Zug wurde in Zusammenarbeit mit Vancouver für die olympischen Spiele 2010 gebaut und ist seitdem in der Nutzung (wenn man ihn den gesamten Tag nutzen will, kostet er 6$ und man kann alle Stationen mit ihm abfahren). Der Skytrain wurde außerdem auf Stelzen gebaut und fährt zum Teil über den Häuserdächern in der Umgebung, später kann er aber auch in U-Bahn-Stationen halten (je weiter man in die Innenstadt kommt). Die Fahrt in die Innenstadt dauert insgesamt gut 40 Minuten und als wir ankommen, schaffen wir es zum Sonnenuntergang hinunter zum Hafen. Unten steht das Seattle Great Wheel, das von epischer Heldenmusik bespielt wird.

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In der Warteschlange hinter uns bewerfen sich kleine Kinder mit Pommes und vor uns stehen zwei Paare, die sich nicht entscheiden können, welches Ticket sie kaufen sollen (wirklich viel Auswahl gibt es da eigentlich nicht, weil man nur zwischen Kinder-, Erwachsenen- und Seniorenticket wählen kann…). Vom Pier aus blickt man über blaues Wasser, einige Restaurants und hinüber zum Seattle Aquarium, das in einem Holzbau über dem Wasser steht. Durch unser spätes Ankommen liegen schon einige Schatten über den Flächen, aber auf den Gondeln spiegelt sich der Sonnenuntergang und es ist immer noch erstaunlich warm. Mit den Gondeln fährt man dreimal im Kreis und wackelt etwas mehr, als man vielleicht von anderen Gondelfahrten gewöhnt ist. Die Fenster ziehen sich direkt bis auf den Boden der Gondel, was meinem Freund nicht ganz geheuer ist, aber die Sicherheitsvorkehrungen sind im Großen und Ganzen ja relativ, hust, ausgeklügelt.
(„Please don’t jump out and don’t open the doors when you’re on top of the round.“
„Is it even possible to open it on the ride?“
„Uhm…“ *Security geht*)

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Die wichtigste Sache in Amerika tritt aber natürlich ein: Auf jeder Gondel wurde ein Klimagerät befestigt, das durchgehend vor sich hinrattert und vermutlich schon seit Jahren im selben Rhythmus läuft. Da kann ja gleich weniger auf die Sicherheitsvorkehrungen geachtet werden, schließlich müssten wir als Eisblöcke oben treiben, wenn die Gondel abstürzt.
Man hat aus dem Rad eine wirklich weite Sicht über Seattles Küstenlinie und die Stadt selbst. Auch wenn es nicht das höchste Rad ist, mit dem man fahren kann, so kann ich mir doch keinen schöneren Ausblick über die Stadt vorstellen. Die Fahrt geht circa 20 Minuten und man steckt nicht in einer überfüllten Gondel mit vielen Personen – mehr als acht passen gar nicht hinein.

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Wir laufen nach der Fahrt durch die alten Marktpassagen am Ufer wo die meisten Stände Fish & Chips verkaufen und einige Casinos in Holzhütten untergebracht sind. Im Großen und Ganzen hat auch Seattle viel Glas, ist allerdings um einiges unübersichtlicher und von den Gebäudestilen weniger zusammenpassend als Vancouver.

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Wenn man durch die Gassen der Innenstadt läuft, spielen an allen Ecken Musiker (sogar welche mit Schlagzeug) und es gibt einige Marktplätze mit Brunnen und Eisdielen. Wir enden bei der Kette „Buffalo Wings“, dem vermutlich einzigen Shop mit über 70 Fernsehbildschirmen, die man kaum übersehen kann, wenn man eintritt. Es ist auch der einzige Shop, der verlangt, dass man einen Code abholt, wenn man zur Toilette geht, um ihn dann dort ins Türschloss einzutippen. Das Essen ist scharf, aber gut. Solltet ihr selbst mal bei der Kette vorbeikommen und nicht allein sein, dann teilt euch die „Small“-Portion; es ist wirklich genug. Für Alleinreisende reicht auch die „Snack“-Version aus.
Die Stimmung in dem Laden ist super, es sei denn, beim Football gewinnt das falsche Team, dann tritt kurzzeitig eine beunruhigende Stille ein, bis irgendwer herumzugrölen beginnt. Das Ganze ist allerdings um einiges weniger tragisch, wenn man:
1) Kein Footballfan ist.
2) Versucht, nicht von dem Chili in den Chicken Wings zu heulen.
3) Von einem gegenüberliegenden Poster von einem Kerl mit gruseligem Lächeln angestarrt wird, der mit Vornamen „Gaylord“ heißt.

Wir haben noch einen kurzen Lacher auf dem Rückweg zum Hotel, als wir an der Rezeption anrufen und darum bitten, uns mit dem Shuttleservice am Bahnhof abzuholen. Der Shuttleservice kommt über eine halbe Stunde nicht und wir versuchen mehrfach anzurufen, bis der Bus in die Einfahrt einbiegt und der Fahrer die Tür öffnet: „Fuck man, sorry! That woman from the reception told me the wrong address! … Again…“
Er ist trotzdem in bester Stimmung, als er uns vor dem Hotel herauslässt und der Rezeptionistin ein Augenrollen schickt. Immerhin hat er um die Uhrzeit noch Humor. Den werden wir auf der ewigen Fahrt nach Idaho auch brauchen.

Was könnt ihr für Aktivitäten in Seattle empfehlen?!

 

Preise:
1) Skytrain Seattle: 6$ Tageskarte (oder einzelne Bezahlung des Bereichs in dem ihr fahrt)
2) Seattle Great Wheel: 9$ Kinder bis 11, 14$ ab 12 Jahren, 12$ Senioren

Tipps: 
Wenn ihr etwas weniger Grenzstress haben möchtet, überquert die Grenze bei Abbotsford-Huntingdon (Washington) und nicht bei Seattle. Das gilt natürlich, wenn ihr aus Kanada kommt und in die USA wollt oder von der USA nach Kanada möchtet.

Näher an Eden

Näher an Eden

Vier – Butchart Gardens, Wildschweine und #InstaFamous

Tagesziel sind an diesem Tag die „Butchart Gardens“, die zum Glück nicht weit von Victoria entfernt liegen. Als wir aus dem Hotel auschecken, werden wir von einer Gruppe Musiker überrascht, die mit allen Mitgliedern und sämtlichen Instrumenten reist und einige davon sogar im Gang spielt. Mit dem Geräusch von mehreren Trompeten und Tuba…s (ernsthaft, seit ich unterwegs bin, ist meine Pluralbildung noch schlimmer als zuvor. Aber ich bin ziemlich sicher, dass die Mehrzahl von Tuba nicht „Tuben“ ist…) aufzuwachen, ist nicht unbedingt mein Lieblingshighlight.
Butchart Gardens sind die eigentliche Hauptattraktion der Insel, weil sie seit über 100 Jahren existieren und noch immer im Familienbesitz der ehemaligen Gründer sind. Allein der Eingangsbereich ist wunderschön gestaltet mit großem Parkplatz und blau-violetten Blumen an allen Ecken. Die Parkbuchten werden, nicht wie in Deutschland, mit Nummern oder Buchstaben versehen, sondern mit Bildern von unterschiedlichen Tieren. Wir parken beim Krebs, den Stefan auf den ersten Blick nicht erkennt und stattdessen mit „Alien“ betitelt, und laufen dann in Richtung Gartenanlage. Der Eingang wird durch Alleen aus Goldregen markiert, der gelb von einzelnen Durchgängen hinunterhängt und himmlisch duftet. Zwischen den Alleen findet man schmale Brücken, die über glasklares Wasser führen und Rosen, die leider noch nicht ihre Blütezeit erreicht haben. Die Gärten haben einen weitläufigen Hof, wenn man das Gelände betritt mit einem großen Kaffee- und Teeshop, der uns die Möglichkeit gibt, etwas zu frühstücken. Der Eintritt selbst ist auch hier nicht billig, allerdings war ich noch nie in auf einem so schön angelegten Gelände, also…solltet ihr jemals nach Kanada reisen, dann sollte der Garten weit oben auf eurer Liste stehen!

Amerika 2018 119Der älteste Teil des Anwesens ist der „Sunken Garden“, der von der Gründerin Jennie Butchart 1904 in einem alten Steinbruch gebaut wurde und einfach nur traumhaft schön ist. Er liegt versteckt hinter einem Waldstück und wenn man den Rand dieses Wäldchens erreicht, starrt man in ein grünes Tal mit einem Berg darin, auf dem mehrere Bäume wachsen und an dem ein Rundweg emporführt. Alle Beete, die sich unter einem erstrecken, sind akribisch genau angelegt und unterscheiden sich nur in ihren unterschiedlichen Farben und Blütenformen. Zwischen all dem gibt es einen Bachverlauf, der sich durch das Tal schlängelt und einen großen Teich in der Mitte bildet, an dem Trauerweiden stehen deren Äste gerade so das Wasser berühren. Als Jennie Butchart mit den Arbeiten an dem Garten begann, hat sie sich erst nicht vorstellen können, wie riesig das Anwesen werden würde. Da es allerdings einer der ersten englischen Garten in der Gegend war, veranstaltete sie früh mit ihrem Mann Besuchstage für Familien an den Wochenenden und gründete zusätzlich den japanischen, italienischen und den Mittelmeergarten.

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Wir haben Glück, dass wir so früh unterwegs sind, denn der Park ist noch nicht übermäßig voll und man kann die Asiatengruppen zum größten Teil umgehen, da sie alle paar Meter an einem neuen Fotopunkt halten. Zugegebenermaßen weiß man aber selbst nicht so genau, wo man seine Kamera hinhalten soll, da um jede Ecke eine neue Attraktion wartet. Neben den schmalen Pfaden wurden auch Lampions aufgehängt und kleine Lichter in die Blumen gesteckt, die an asiatische Häuserdächer erinnern und ab Juni abends angezündet werden. Ab dem Zeitpunkt kann man die Gärten dann auch abends durchwandern. Im Sommer gibt es zudem Feuerwerke und Konzerte im Park, aber bevor man hingeht, sollte man auf der Website einen Blick auf das Veranstaltungsprogramm werfen, da der Garten das ganze Jahr geöffnet hat und immer wieder etwas Neues anbietet.

Amerika 2018 126Die Fläche hinter dem „Sunken Garden“ ist weit und auf ihrem höchsten Punkt steht ein neumodisches, o-förmiges Gebäude mit einer Glaskuppel und einem Karussell darin. Da ich schon immer etwas anfällig war, wenn es um Geschwindigkeit geht, setze ich mich ins Karussell, das gut Fahrt aufnimmt und im altmodischen Design Tiere um mich herumwackeln lässt, wie Delfine, Frösche und kreischende Katzen (ja, die Katzen sehen wirklich so aus als würden sie schreien).

Amerika 2018 049Weiter führt der Weg vorbei an einem Rosengarten und mehreren Feldern mit Apfelbäumen, Brunnen und Steintreppen. Die Eindrücke in Worte zu fassen fällt schwer, vor allem, weil dieser Garten einen alle paar Minuten mit etwas Neuem überrascht. Ich würde sagen, die beste Sache kommt am Schluss.
Man betritt durch einen roten Torbogen, der mit japanischen Schriftzeichen versehen wurde, eine gefühlt hundertjährige Welt aus Moos, Steintürmchen und roten Brücken, die über Bäche und Teiche leiten. Das Wort „verwunschen“ passt hier wohl am besten und beschreibt die kurze Sicht durch Hecken hindurch auf eine Bucht außerhalb der Gärten, sowie auf weiße Lampions in einem Meer aus Bambus und kleinen Skulpturen, die scheinbar aus dem Nichts auftauchen.

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Wenn ich auf dieser Insel wohnen würde, hätte ich definitiv eine Jahreskarte für diesen Ort (die übrigens überraschend günstig ist mit ca 85 $), denn egal wie viele Besucher auftauchen, man findet immer irgendwo einen Platz für sich, um sich ein bisschen wie im Märchen zu fühlen. Und es gibt einen tollen Eisshop mit selbstgemachter Eiscreme, ein Atelier für lokale Künstler, ein Café, das die britische Cream Tea Time anbietet und einen großen Souvenirshop. Da erscheint es gar nicht mehr so abwegig, wenn man Ehepaare an sich vorbeilaufen sieht, die Gespräche führen, wie: „Schatz, haben wir noch Geld?“
„Wofür? Wir haben doch eine Kreditkarte.“

Während meine Eltern irgendwo verloren gegangen sind, sitze ich jedenfalls mit meinem Freund auf dem Rand eines Brunnens, in dessen Mitte ein großes, bronzefarbenes Wildschwein steht. Eine Familie mit zwei Kindern läuft an uns vorbei und die Tochter schaut mit übertriebener Faszination auf das Schwein hinter uns: „Schau mal Daddy, ein Pferd!“
Der Vater starrt stirnrunzelnd auf sie hinunter: „Das wäre ein ziemlich hässliches Pferd…“
Sein Sohn nickt: „Stimmt. Ich glaube es ist ein Igel!“
Den Blick des Vaters in dem Moment kann ich gar nicht wirklich beschreiben. An seiner Stelle würde ich mir allerdings auch Sorgen um die Wahrnehmung meiner Kinder machen…

Wir fahren von den Gärten in Richtung der Fähre, da wir wieder zurück in Richtung Vancouver müssen. Die Fähre fährt dieses Mal von Swartz Haven; also einer anderen Route als auf dem Hinweg, bei der wir weiter südlich starten und durch einen Fjord mit hohen Bergen fahren, der Häuser direkt am Wasser und Strände mit kleineren Booten ringsum zeigt. Bei schönem Wetter kann man ohne Probleme an Deck sitzen, die Aussicht auf die kleineren Inseln um einen herum, ist auf jeden Fall fantastisch. Als wir wieder ins Auto steigen, fällt unser Blick auf die „Wicked Campers“, die mit ihrem besprayten Truck scheinbar ebenfalls auf ihrem Rückweg sind. Wieder sind sie nirgends zu sehen und allmählich glaube ich, dass dieses Auto von alleine durch die Gegend rangiert – klarer Fall für einen Ghostwalk…oder in diesem Fall Ghost Drive. Wir kommen in Vancouver an, ohne den Ghost Van nochmal gesehen zu haben, aber wer weiß, vielleicht sieht man die „Wicked Campers“ ja wirklich mal in Person.

Amerika 2018 138Da meine Mutter mit unerschöpflicher Motivation und Tatendrang geboren wurde (zwei Dinge, die bei mir sehr wetter- und schlafabhängig sind), werfen wir nur kurz unsere Sachen ins Hotel (also wir legen sie hin…ich würde nicht so weit gehen, die Tür zum Zimmer zu öffnen, meine Sachen zu packen und sie dort irgendwo an die Wand zu schmeißen) und laufen dann in Richtung vom Vancouver Convention Center in der Nähe des Hafens.

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Das Center wurde mit einer Menge Läden und historischen Hintergrundinfos zu Vancouver gefüllt und auf dem Wasser vor uns starten und landen Wasserflugzeuge. Einige der Informationen beziehen sich zum Beispiel auf den ersten Mann, der seine Flugzeuge zum Handel in Vancouver eingesetzt hat oder man kann Geschichten zum damaligen Goldrausch nachlesen (denn, wer es nicht weiß: Vancouver ist durch den Goldrausch entstanden und hat sich seither von seiner Lage so gut gemacht, dass es sich immer weiter vergrößert hat).

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Auf der Suche nach Essen machen wir uns auf in die Innenstadt und sehen dabei ein kleines Mädchen, das ein T-Shirt mit der Aufschrift #InstaFamous trägt. #InstaFamous verfolgt uns mehrere Minuten, bis ihr scheinbar auffällt, dass sie irgendwo in der Nähe Eltern hat, die mit Selfiestick in der Gegend herumrennen. Irgendwie habe ich kein gutes Gefühl, was die Zukunft der Hashtag-Generation angeht…

Die Straßen hinter dem Center sind dann einen ganzen Teil düsterer, als diejenigen, die wir bisher gesehen haben. Eine Menge Leute in dieser Gegend sind drogenabhängig und schlafen auf der Straße, andere fallen in Alkoholräusche und tanzen herum – es ist unheimlich, wenn alles andere in der Stadt so modern, sauber und organisiert erscheint. Eins der größten Probleme ist nicht Cannabis, sondern Fentanyl; welches kaum zu rehabilitieren ist. Es führt zu einer Menge von Traumzuständen, in denen man sich selbst schlägt, tanzt und ganz allgemein nicht mehr ansprechbar ist. Bis jetzt wurde scheinbar noch nichts gefunden, um den Zustand zu verbessern oder zu verhindern; die einzig hilfreiche Sache erscheint eine Reha, aber die abhängigen Personen müssen ihre Zustimmung dafür geben und kaum jemand macht das.

Zum Glück passiert man nur zwei bis drei Blöcke, bis man wieder in der Robson Street steht und auf der Suche nach Essen einige aufgehängte Schilder sieht. Allgemein hat Kanada bisher die besten Schilder aller Zeiten. Aber dazu komme ich in einem extra Beitrag.

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Essenstechnisch werden wir fündig in einem Restaurant namens „Timber“, das kanadisches Essen serviert (Yay, Poutine!) und in dem einige ausgestopfte Tiere stehen, die ein bisschen nach Zombiebiber (verdammt, ich ziehe schon wieder Vergleiche zu B-Movies), aussehen. Die Bedienung kommt aus Toronto und wir verstehen kaum ein Wort von ihren Nachfragen, glücklicherweise registriert mein Gehirn noch früh genug, dass sie mir Poutine zu meinem Burger andrehen will. Ihr Blick ist etwas irritiert, als ich ablehne, und ich hoffe, dass ich sie durch die Aussage nicht vollständig beleidigt habe. Wir essen an diesem Abend Lachs und Bisonroast und es tut wirklich gut, zwischendurch kein Fastfood vor sich zu haben. Immerhin wird es genug Essen sein, um einen Tag später Power für die Warteschlangen zur amerikanischen Grenze zu haben.

Es würde mich interessieren, was ihr so in Kanada gegessen habt, wenn ihr schonmal dort wart. Und würdet ihr Poutine testen?!

Preise:
Butchart Gardens: https://www.butchartgardens.com/ (wer richtig viel Spaß mit Google Translate haben will, sollte unbedingt bei der Sprache Deutsch auswählen!)
Eintrittspreise (abhängig von Saison. Preise hier gelten für Frühling): 2$ Kind, 15.40$ Jugendlicher, 30.80$ Erwachsener.

Tipps: 
Ihr wollt von Victoria nach Vancouver? Fahrt unbedingt von Swartz Haven, die Strecke durch die Fjorde lohnt sich allemal und ist billiger als die von Nanaimo aus!

 

Schmuckstück Victoria

Schmuckstück Victoria

Drei –  Über Victoria Island, BH-Bars und Darth Vader

Da wir unser Apartment leider nur für zwei Tage mieten konnten, haben wir beschlossen, einen Tag auf Victoria Island zu verbringen. Victoria selbst ist die Hauptstadt von British Columbia und eigentlich nur mit dem Schiff erreichbar. Zum Hafen in Richtung Nanaimo, der ersten Stadt bei der Ankunft auf Victoria Island, muss man erstmal aus Vancouver heraus und an der Küche entlang fahren. Es gibt die Option, direkt aus Vancouver zu fahren, allerdings kostet die Fahrt aus der Stadt circa 200 Canadian Dollar mehr. Wenn man die zeitlich längere Strecke wählt, ist es allemal die Fahrt wert. Man sieht von der Straße über das Wasser und in die Whistler-Mountains und passiert eine Menge alleinstehende Häuser und natürlich auch einige Blocks. Nach circa 30 Minuten erreicht man dann die Einordnungsspuren nach Nanaimo, wo man in einer langen Schlange auf die Weiterfahrt wartet. Das Wetter lässt heute etwas zu wünschen übrig und man wird vollgetröpfelt, sobald man die Hand aus dem Fenster streckt. Abgesehen davon ist es schon eine ziemliche Ironie, wenn man bei Nieselregen und zwei Stunden Wartezeit auf das „Karma-Café“ zu seiner Rechten blickt, das lediglich aus einem lädierten Container besteht.
Ursprünglich hatten wir ja die Hoffnung, auf eine frühere Fähre zu gelangen, allerdings wurde unser Fahrstreifen durch ein Auto blockiert und der in khaki-gekleidete Officer daneben zuckte nur resigniert mit den Achseln, um uns anschließend mitzuteilen: „The driver’s been missing for the last two ferries. We don’t know where he is.“ Möglicherweise ist er im Karma-Café verloren gegangen, wer weiß. Auf derselben Spur sind auch mehrere Fahrradfahrer unterwegs, denen es in Kanada erlaubt ist, auf dem Standstreifen der Autobahnen zu fahren (etwas gruselig wenn man aus dem Fenster schaut und im ersten Moment denkt, sie hätten sich verirrt).
Irgendwann schaffen wir es dann doch noch aufs Schiff, das vollgestopft ist mit Schulklassen, Touristen und dem Bandwagen der „Wicked Campers“, auf dem fettgedruckt der Slogan: „Good girls get fat. Bad girls get eaten“, steht. Sie selbst sind allerdings nirgends zu sehen.

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Das Schiff bietet eine relativ große Auswahl an Essen, wobei niemand von uns wirklich Hunger hat. Mein Vater beschließt auf den letzten Metern der Schifffahrt noch das Nationalgericht „Poutine“ auszuprobieren. Und so kommt es, dass wir alle von dem Geruch vollgenebelt werden, der ein bisschen an ein Fastfoodrestaurant gekreuzt mit  Kino-Nachos erinnert. Das Essen besteht aus Pommes, Käse und Bratensoße und kann wahlweise mit Ketchup und Mayonnaise „geupdatet“ werden, damit es nicht zu „trocken“ ist. Nach dem Probiertest muss man sagen, dass es gar nicht so schlecht schmeckt, wenn man Käse, Ketchup und Mayonnaise weglässt (aber die Bratensoße ist gut!). Poutine wird hier übrigens klassisch zu allen Gerichten gegessen, meistens als Beilage. Man kann es aber auch zum Frühstück (?!) bestellen.

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Wenn man dann erstmal in Nanaimo ist, braucht man noch gute zwei Stunden nach Victoria. Die Stadt ist vor allem bekannt für ihre Lage, die Chinatown und das verhältnismäßig alte Stadtzentrum mit vielen Pubs und Bars. Unser Hotel für die Nacht liegt ein Stück außerhalb des Zentrums und gehört zu der Kette „Sandman Hotels“. Im unteren Gebäudeteil befindet sich der „Shark Club“ und da ich zu unserer Beschämung mitteilen muss, dass wir alle Sharknado B-Movies gesehen haben, beschließen wir, am Ende des Abends nochmal dort vorbeizugehen.

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Die Stadt erstreckt sich an der Küste der Insel entlang und bietet eine tolle Aussicht auf Berge, Schiffe und Wasserflugzeuge. Parken ist dort nicht ganz so einfach, allerdings finden wir am Hafen, neben einem Club namens „Flying Otter“, einen Parkplatz. Mein Vater überlegt eine Weile den Otter aufzumischen, indem er dort einen frittierten und flambierten Otter bestellt, der mit Fell und in Honigmarinade gegrillt werden sollte. Zum Glück können wir ihn davon abbringen, bevor wir vom Parkplatz geworfen werden und schaffen es in wenigen Minuten in die Innenstadt. Ein kurzer Abstecher in die Chinatown bringt einen in den Nebel von Räucherstäbchen und engen Gässchen mit Bambusgewächsen und Lampions.

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Orientalisch klingende Musik dringt aus den Lautsprechern, die über den Eingangstüren befestigt sind und auf den Bänken sitzen einige Männer, die Blockflöte spielen. Chinatown ist auch einer der Orte, die von den Einheimischen als „heimgesucht“ beschrieben wird, da man manchmal angeblich Geister sehen oder hören kann, die aus der frühen Zeit Victorias stammen, als es noch Spielhöllen und Opiumhöhlen in dem Stadtviertel gab. Besonders geisteranfällig ist dabei die „Fan Tan Alley“, in der einst ein Mann seine Freundin ermordete und dann die Gasse hinunter floh. Von der Stadt werden auch viele „Ghost Walks“ angeboten, da es viele Geistersichtungen gab, aber mit nur einem Abend ist für uns leider keine Tour mehr mit drin.

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Ursprünglich wollten wir ja dank einer Empfehlung direkt zum „Bad Johns Club“ laufen, allerdings bleiben meine Mutter und ich in einer uralten Bibliothek hängen und als wir wieder nach draußen treten, spielt ein als Darth Vader verkleideter Typ, Geige und wird von einer Oma angepöbelt, dass er nicht so einen „Shit“ sondern mal was „Richtiges“ spielen soll. Anschließend rennt besagte Oma zu meinem Freund und teilt auch ihm mit, dass da was gemacht werden muss und der Geiger unbedingt besser spielen soll (worauf Stefan ja echt Einfluss hat) und meint, dass sie sich da auskennen würde, weil sie selbst Geige spielt. Als Stefan ihr mitteilt, dass er nichts von ihrer Tirade versteht, schnaubt sie vor sich hin und dackelt davon. Dafür spielt Darth Vader fröhlich weiter.

Der „Bad Johns Club“ ist auf jeden Fall einen Besuch wert, wenn man nach Victoria reist. Ich habe schon einige Bars und Kneipen gesehen, aber dieser Ort strahlt die Abstürze sämtlicher Generationen und Nationen aus. Lasst euch nicht abschrecken – wenn man hineingeht, ist es erstmal ziemlich düster – sobald sich die Augen an das Licht gewöhnt haben, erkennt man von oben bis unten zugekritzelte Wände, kleine Tische und an der Decke hängen befestigte BHS mit Namen oder sonstigen Aufschriften darauf. Der gesamte Raum – und so groß ist er nicht- vermittelt die Trägheit, die man nach dem dritten Bier erlebt, gemischt mit der Wahrnehmung des Pegels, bei dem man der festen Überzeugung ist, mindestens elf Finger zu haben.

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Auch erinnert das Ganze an einen Westernsaloon durch die Holzwände und die Erdnüsse auf den Tischen und dem Boden. Das Bier ist sehr gut und sogar wenn man allein unterwegs wäre, würde es bestimmt nicht langweilig werden, weil man den Blick nicht von den Wänden um sich herum lassen kann. Einige der Aufschriften sind mir ein bisschen zu präsent im Kopf geblieben, wie: „Little D. is going to be a bride, so we take her out on one last ride!“ oder Feststellungen, wie „Cocaine is a hell of a drug!“ und dazwischen tiefgründige Fragen wie: „Hey! Do you like raisins?!“
Irgendwie ist man schon ein bisschen versucht, selbst etwas an die Wand zu kritzeln, aber es war dort, wo wir saßen, nur noch Platz neben „Joe loves bums!“ und das hätte ich etwas deplaziert gefunden.

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Essen gibt es in diesem Pub nicht, allerdings extistiert an der Hauptstrasse ein großartiger Irish Pub namens „Irish Times“. Sogar wenn man dort nichts essen oder trinken möchte, sollte man einmal darin gestanden haben, denn das Gebäude an sich hat seinen ganz eigenen Charme mit golden-verschnörkelten Lampenschirmen, Holzvertäfelungen und einer kleinen Eckbühne, auf der an diesem Abend irische Volksmusik gespielt wird. Die Stimmung ist schon beim Eintreten aufgedreht; die Leute klatschen und wenn du nicht mitmachst, wirst du auffordernd angetippt. Das Essen ist übrigens eines der besten, was wir seit langem hatten. Sie machen eine perfekte Guacamole, ein gutes Chashewhühnchen und auch einfache Gerichte wie Macaroni mit Käse.

Wir haben einen sehr schönen Abend mit Musik im Hintergrund, viel Gejohle und einem leicht angetrunkenen Opa, der mir beim Rausgehen die Schulter tätschelt: „You’re a pretty little thing!“ sagt und davon spaziert. Ich muss über die Aussage wirklich lachen, weil „little“ für meine 1,75m wirklich die Untertreibung überhaupt ist. Vor allem, weil die kanadischen Frauen im Durchschnitt um die 10 bis 15 Zentimeter kleiner und überall in der Bar präsent, sind. Auf dem Rückweg zum Flying Otter haben wir noch einen schönen Sonnenuntergang, der sich orange auf dem Wasser spiegelt und sich in dem Farbton bis zu unserem Hotel hält. Wir setzen uns in den Shark Club, wo eine asiatische Familie Hochzeit feiert und wir zum ersten Mal ein Getränk namens „Mexican Bulldog“ trinken, das aus Sekt, Tequila und Corona besteht. Mit etwas wie dem schläft man am Abend umso besser, egal wie laut die Party im unteren Stockwerk wütet. (Ich muss ja nicht erwähnen, dass wir wieder unsere Ausweise zeigen mussten, oder? Stefan wird langsam etwas frustriert :D).

Ich würde zu gerne auf einen „Ghost Walk“ gehen. War von euch schon mal jemand auf einem, den er empfehlen kann?

Tipps:
Die Parksituation in Victoria ist nicht einfach. Es gibt in der Innenstadt zwar Parkhäuser (diese sind aber klein und schnell voll) und Parkbuchten, die sind allerdings auf eine Stunde begrenzt. Parkt am besten direkt unten am Hafen und lauft nach oben in die Stadt! Die Plätze unten bieten eine längere Aufenthaltsdauer und werden nur nicht so oft benutzt, weil sie von oben schnell übersehen werden.