Welcome to America

Fünf – Die Typen aus Idaho, Seattle und der verwirrte Busfahrer

Heute ist der Tag an dem wir über die amerikanische Grenze fahren und von dort aus durchrasen bis Seattle. Die Fahrzeit an sich ist eigentlich nicht lang, aber wer weiß schon, wie viel Zeit die Grenze in Anspruch nehmen wird. Da Stefan und mein Vater darauf bestehen, haben wir unser Frühstück ein letztes Mal bei Fatburger (so langsam stellt sich in meinem Kopf die Gleichung Kanada = Fatburger auf), allerdings ist das ganz allgemeine Frühstück hier sehr gut; mit Toast, Eiern und gerösteten Kartoffeln (wahlweise natürlich noch mit Poutine).

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Die Fahrt zur Grenze dauert ungefähr eine Stunde, was uns als schnell erscheint. Zumindest bis wir vor den Schlangen zur Einreise stehen und feststellen, dass es ein Grenzverfahren namens NEXUS gibt, das registrierten Personen, die Verbindungen nach Amerika und Kanada haben, bevorzugt. NEXUS-Angehörige bekommen einen Extra-Pass, den sie lediglich vor die Kamera halten müssen und der schnell gescannt wird. Bis sich die Autos in eine Schlange eingeordnet haben, vergeht allerdings eine Ewigkeit und die meisten Menschen wechseln die Spuren immer noch mehrfach, scheinbar nicht sicher, ob sie einen Pass besitzen. Wir stehen gute zwei Stunden bis wir an die Grenze kommen und mit gefühlt 50 000 Fragen gelöchert werden, wie: „Woher kommt ihr?“, „Was tut ihr hier?“, „Was habt ihr vor?“ Die Tatsache, dass wir drei Monate bleiben und nach Idaho zu unseren Freunden fahren, macht sie nur noch misstrauischer: „Wer zum Teufel will bitte nach Idaho?“‘

Es endet damit, dass wir unsere Pässe im Nebengebäude stempeln lassen müssen und in einer Schlange mit Indern, Asiaten und weiteren Deutschen stehen. Ich muss nicht erwähnen, dass die Schlange hier auch wieder ewig lang ist und zusätzlich niemand vom Personal arbeitet, oder?
Von den circa zehn Schaltern sind drei besetzt und die Personen von einem Auto zu bearbeiten, dauert mindestens 15 Minuten. Wir stehen für gut eine Stunde in der Schlange, bevor wir von einem Mitarbeiter heran gewunken werden, der Jamie Lannister aus „Game of Thrones“ erstaunlich ähnlich sieht. Er steht allerdings mitten in der Bearbeitung plötzlich auf und zuckt die Achseln: „Ich muss jetzt los. Stellt euch einfach wieder vorne in die Schlange.“ Damit geht er dann davon und wir werfen uns verwirrte Blicke zu. Alle anderen Beamten stehen bereits draußen zur Bearbeitung irgendeines Zwischenfalls und jetzt gibt es drinnen nur noch eine einzige Person, die vor uns arbeitet…beziehungsweise die Kasse bedient. Wir stehen weiterhin, bis sich endlich eine Tür öffnet und ein paar der Beamten wieder hineinkommen. Ganz vorne die Frau, die uns erst in dieses Gebäude verfrachet hat. Sie hockt sich hinter ihren Computer und ihr Blick geht über die Wartenden hinweg, dabei murmelt sie vor sich hin: „Kenn ich nicht, kenn ich nicht…“, bis ihr Blick bei uns ankommt und sie die Augen zusammenkneift: „Oh. Drei Monate in Idaho…“

Für einen Stempel über die Grenze zahlt man aktuell 6$, die Zeit, die man dabei verliert, sollte man allerdings im Gedächtnis behalten, wenn man sich weitere Pläne für den Tag gemacht hat.

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Seattle ist zwar nicht so weit von der Grenze entfernt, die Stadt ist aber groß genug, dass man auf dem Highway eine Ewigkeit braucht, weil die meisten Personen in die Innenstadt fahren wollen und alle Abfahrten von diesem einen Highway abgehen. Als wir im Hotel ankommen, sind wir gerädert und fertig und haben bereits frühen Abend. Das Hotel liegt außerhalb von der Stadt, aber direkt darum herum ist nichts außer einigen Fastfoodketten und Industriehallen. Wir beschließen in die Innenstadt zu fahren und etwas zu essen. Es ist leider etwas spät, um Sightseeing zu machen, dabei hat Seattle viele coole Angebote, wie Bootstouren, einen Turm mit 360 Grad Sicht, Aquarien und Touren mit einer Lokomotive. Eine der besten Sachen an Seattle ist der Skytrain (Seattle Center Monorail), mit dem man von außerhalb ins Zentrum der Stadt fahren kann. Der Zug wurde in Zusammenarbeit mit Vancouver für die olympischen Spiele 2010 gebaut und ist seitdem in der Nutzung (wenn man ihn den gesamten Tag nutzen will, kostet er 6$ und man kann alle Stationen mit ihm abfahren). Der Skytrain wurde außerdem auf Stelzen gebaut und fährt zum Teil über den Häuserdächern in der Umgebung, später kann er aber auch in U-Bahn-Stationen halten (je weiter man in die Innenstadt kommt). Die Fahrt in die Innenstadt dauert insgesamt gut 40 Minuten und als wir ankommen, schaffen wir es zum Sonnenuntergang hinunter zum Hafen. Unten steht das Seattle Great Wheel, das von epischer Heldenmusik bespielt wird.

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In der Warteschlange hinter uns bewerfen sich kleine Kinder mit Pommes und vor uns stehen zwei Paare, die sich nicht entscheiden können, welches Ticket sie kaufen sollen (wirklich viel Auswahl gibt es da eigentlich nicht, weil man nur zwischen Kinder-, Erwachsenen- und Seniorenticket wählen kann…). Vom Pier aus blickt man über blaues Wasser, einige Restaurants und hinüber zum Seattle Aquarium, das in einem Holzbau über dem Wasser steht. Durch unser spätes Ankommen liegen schon einige Schatten über den Flächen, aber auf den Gondeln spiegelt sich der Sonnenuntergang und es ist immer noch erstaunlich warm. Mit den Gondeln fährt man dreimal im Kreis und wackelt etwas mehr, als man vielleicht von anderen Gondelfahrten gewöhnt ist. Die Fenster ziehen sich direkt bis auf den Boden der Gondel, was meinem Freund nicht ganz geheuer ist, aber die Sicherheitsvorkehrungen sind im Großen und Ganzen ja relativ, hust, ausgeklügelt.
(„Please don’t jump out and don’t open the doors when you’re on top of the round.“
„Is it even possible to open it on the ride?“
„Uhm…“ *Security geht*)

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Die wichtigste Sache in Amerika tritt aber natürlich ein: Auf jeder Gondel wurde ein Klimagerät befestigt, das durchgehend vor sich hinrattert und vermutlich schon seit Jahren im selben Rhythmus läuft. Da kann ja gleich weniger auf die Sicherheitsvorkehrungen geachtet werden, schließlich müssten wir als Eisblöcke oben treiben, wenn die Gondel abstürzt.
Man hat aus dem Rad eine wirklich weite Sicht über Seattles Küstenlinie und die Stadt selbst. Auch wenn es nicht das höchste Rad ist, mit dem man fahren kann, so kann ich mir doch keinen schöneren Ausblick über die Stadt vorstellen. Die Fahrt geht circa 20 Minuten und man steckt nicht in einer überfüllten Gondel mit vielen Personen – mehr als acht passen gar nicht hinein.

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Wir laufen nach der Fahrt durch die alten Marktpassagen am Ufer wo die meisten Stände Fish & Chips verkaufen und einige Casinos in Holzhütten untergebracht sind. Im Großen und Ganzen hat auch Seattle viel Glas, ist allerdings um einiges unübersichtlicher und von den Gebäudestilen weniger zusammenpassend als Vancouver.

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Wenn man durch die Gassen der Innenstadt läuft, spielen an allen Ecken Musiker (sogar welche mit Schlagzeug) und es gibt einige Marktplätze mit Brunnen und Eisdielen. Wir enden bei der Kette „Buffalo Wings“, dem vermutlich einzigen Shop mit über 70 Fernsehbildschirmen, die man kaum übersehen kann, wenn man eintritt. Es ist auch der einzige Shop, der verlangt, dass man einen Code abholt, wenn man zur Toilette geht, um ihn dann dort ins Türschloss einzutippen. Das Essen ist scharf, aber gut. Solltet ihr selbst mal bei der Kette vorbeikommen und nicht allein sein, dann teilt euch die „Small“-Portion; es ist wirklich genug. Für Alleinreisende reicht auch die „Snack“-Version aus.
Die Stimmung in dem Laden ist super, es sei denn, beim Football gewinnt das falsche Team, dann tritt kurzzeitig eine beunruhigende Stille ein, bis irgendwer herumzugrölen beginnt. Das Ganze ist allerdings um einiges weniger tragisch, wenn man:
1) Kein Footballfan ist.
2) Versucht, nicht von dem Chili in den Chicken Wings zu heulen.
3) Von einem gegenüberliegenden Poster von einem Kerl mit gruseligem Lächeln angestarrt wird, der mit Vornamen „Gaylord“ heißt.

Wir haben noch einen kurzen Lacher auf dem Rückweg zum Hotel, als wir an der Rezeption anrufen und darum bitten, uns mit dem Shuttleservice am Bahnhof abzuholen. Der Shuttleservice kommt über eine halbe Stunde nicht und wir versuchen mehrfach anzurufen, bis der Bus in die Einfahrt einbiegt und der Fahrer die Tür öffnet: „Fuck man, sorry! That woman from the reception told me the wrong address! … Again…“
Er ist trotzdem in bester Stimmung, als er uns vor dem Hotel herauslässt und der Rezeptionistin ein Augenrollen schickt. Immerhin hat er um die Uhrzeit noch Humor. Den werden wir auf der ewigen Fahrt nach Idaho auch brauchen.

Was könnt ihr für Aktivitäten in Seattle empfehlen?!

 

Preise:
1) Skytrain Seattle: 6$ Tageskarte (oder einzelne Bezahlung des Bereichs in dem ihr fahrt)
2) Seattle Great Wheel: 9$ Kinder bis 11, 14$ ab 12 Jahren, 12$ Senioren

Tipps: 
Wenn ihr etwas weniger Grenzstress haben möchtet, überquert die Grenze bei Abbotsford-Huntingdon (Washington) und nicht bei Seattle. Das gilt natürlich, wenn ihr aus Kanada kommt und in die USA wollt oder von der USA nach Kanada möchtet.

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