Lost in Red – Unterwegs im Spargeltal

Sechs – Über Bryce Canyon, asiatische Einhörner und Flipflops

Wir haben nach Seattle ein paar Tage in Idaho verbracht, allerdings bin ich nächste Woche noch dort und gebe euch dann einen detaillierten Bericht zu all dem, was man dort machen kann. Mit unseren Freunden haben wir einen Ausflug zum Bryce Canyon Nationalpark geplant, der von Idaho, Boise, etwa neun Stunden entfernt ist. Allerdings ist das alles machbar, wenn man als motivierte Gruppe im Auto sitzt und sich bei den Stops (die zum Teil gefühlt am Ende der Welt sind) die Beine vertreten kann. Wir fahren ein Stück durch den Bundesstaat Oregon und im Anschluss immer noch einen langen Teil durch Idaho, bis man Salt Lake City passiert und 80 Meilen nur an der Stadt vorbeifährt (so spannend ist die Stadt leider nicht, dass die 80 Meilen irgendeinen guten Aussichtspunkt bieten würden). Aber der letzte Abschnitt in die Canyongegend ist sehr schön, wenn zu allen Seiten hohes, rotes Gestein aufragt und man dazwischen Bachläufe und Streifenhörnchen (Chipmunks) sieht.

Amerika 3 008Es gibt im Bryce Canyon mehrere Hotels und Ferienhäuser, wie bei allen Nationalparks sind die aber oft im Voraus ausgebucht und um einiges teurer. Wir haben ein Zimmer in einem Hotel außerhalb organisiert, das in einem kleinen Dorf voller Blockhütten namens Tropic liegt und mitten in die Bergschluchten gebaut wurde. In der Umgebung gibt es alles was man braucht, auch wenn diese Ferienorte natürlich sehr touristisch ausgelegt sind und vorrangig vor allem Essen angepriesen wird. Auf dem Gelände unseres Hotels steht in der Mitte eine kleine Ranch im Westernstyle mit Holzverkleidung und Feuerstelle vor der Tür , zu der man zum Abendessen laufen kann. Drinnen wird Countrymusik gespielt und es ist eine gemütliche Atmosphäre mit Bänken, tiefhängenden Lampen und Metallschildern an den Wänden, die Aufschriften haben, wie: „Want a stable relationship? Get a horse.“

Amerika 3 011Der Bryce Canyon ist zwar 56 Quadratmeilen groß, kommt einem von der Aussicht aber immer noch überschaubar vor, wenn man die Randpunkte von dem sogenannten „Rim Trail“ abläuft. Der Pfad zieht sich an der oberen, äußeren Kante entlang und zeigt das ovale Tal des Canyons aus einer Höhe von circa 2500 Metern. Die Steine im Canyon sind orange-rötlich verfärbt und werden „Hoodoos“ genannt. Ein Hoodoo hat eine dünne Spitze mit einigen, eher losen Steinen oben drauf gestapelt, die so aussehen, als würden sie jeden Moment herunterfallen. Sie sind um die 15 Millionen Jahre alt und bekamen ihre Farbe durch Mineralablagerungen in der Erde. Der bekannteste Hoodoo steht am Sunset Point und wird „Thor’s Hammer“ genannt. Warum erübrigt sich beim genaueren Hinsehen wohl. Wenn man von oben ins Tal späht, sehen die vielen, nebeneinander aufgereihten Steine wie Spargel aus, weshalb ich persönlich alle Aussichtspunkte ins „Spargeltal“ umbenannt habe.
IMG_0229Wir beschließen ein Stück des Rim Trails zu laufen, von dem aus man eine gute Sicht auf die Hauptattraktion bekommt und der nicht ganz so lange dauert, wie die anderen Strecken. Man sollte den Wind allerdings nicht unterschätzen; auch wenn die Sonne am Himmel steht, habe ich ab dem darauffolgenden Tag Schnupfen. Man kann von mehreren Punkten aus einen der Pfade durch den Canyon starten. Die Länge der einzelnen Strecken wird normalerweise auf Schildern mit den Namen der Pfade angegeben; man sollte sich aber bei allen Wegen bewusst sein, dass es ganz schön steil werden kann (letztendlich startet man ja am oberen Rand des Canyons und läuft dann nach unten – wenn man sein Auto wiedersehen will, muss man logischerweise auch wieder den Berg hinauf. Scheint ein ziemlich abstraktes Prinzip für viele Personen zu sein, die mit ihren Flip Flops vor sich hinrutschen und sie auf dem Rückweg ausziehen). Ich würde sagen, es gibt nichts, was es nicht gibt, wenn man die Leute „wandern“ sieht. Die Pfade sind verhältnismäßig schmal und steil und trotzdem gibt es immer noch Familien, die versuchen, ihren Kinderwagen mit nach unten zu nehmen. Wenn sie dabei von Rangern gebeten werden, den Wagen sofort wieder mit hoch zu nehmen, ist das Geschrei natürlich groß, weil die circa einjährige „Annabelle Joanne Crystal“ nicht alles sehen kann und sich dann NIEMALS an diesen tollen Familienausflug erinnern wird (mal davon abgesehen, dass man sich mit eins garantiert nicht an sowas erinnern kann). Es gibt aber auch Personen, die die Strecken in Chucks, Sandalen und High Heels (?!) durchziehen…zumindest bis sie merken, dass sie ja wieder nach oben müssen oder irgendwo stecken bleiben. Daraufhin wird meistens panisch ein Handy rausgeholt und wenn sie dann realisieren, dass sie kein Netz haben (surprise, surprise, zwischen den Hoodoos wurden keine Glasfaserkabel für Wifi verlegt), ist der Tag eh gelaufen. Außerhalb der Pfade gibt es auch mehrere Blockhäuser mit Cafes, ein Visitor Center, das Souvenirs, Karten und Nationalparkpässe verkauft, sowie etwas über die Geschichte des Canyons erzählt. Außerhalb des Parks findet man einige Häuserreihen aus Holz, die im Westernstil gebaut wurden und bei denen man Eis, Mittag- oder Abendessen und allerlei Kleinkram kaufen kann.

IMG_0215Wir sitzen auch neben einer Eisdiele, vor der eine Gefängniszelle aufgebaut wurde, die man vermutlich für sein Instagram-Profil nutzen sollte…wenn nicht gerade lauter mexikanische Kinder darin feststecken, die sich abwechselnd einsperren und dabei stundenlang von ihren Eltern fotografiert werden. Man kann sich übrigens auch Quads ausleihen, wenn man in der Nähe des Canyons Touren machen will oder man entscheidet sich für eine Pferdetour durch den Canyon.

Amerika 3 067
Wenn ihr die Zeit habt, solltet ihr unbedingt auch einmal am Abend zum Sunset Point zurückkehren, weil der Sonnenuntergang im Canyon die Steine noch rötlicher erscheinen lässt und es ein wirkliches Highlight ist. Abgesehen davon sind die unglaublichsten Menschen um diese Uhrzeit unterwegs, wie beispielsweise eine Asiatin im pinken Einhornkostüm und mehrere Leute, die mit ihren Campingkochern oben an der Kante des Canyons hocken.

IMG-20180605-WA0012
IMG_0239Stefan und ich beschließen am zweiten Tag den bekanntesten Pfad namens „Navajo Loop Trail“ zu laufen, der am Sunset Point beginnt. Viele der Wege im Canyon lassen sich miteinander kombinieren und wir planen eine größere Runde zu laufen. Wir verabreden uns mit meiner Familie zu einem Zeitpunkt und entschließen uns hinter einigen der Asiatengruppen loszulaufen. Oftmals muss man beim Überholen der Personen wirklich aufpassen, weil es so gut wie keine Geländer im Canyon gibt (die deutsche Sicherheitsbehörde würde wahrscheinlich ausrasten). Vorbei an „Thor’s Hammer“ kommt man zu der „Wall Street“ im Canyon, die natürlich nichts mit Geld zu tun hat, sondern vielmehr so heißt, weil man links und rechts von Wänden aus Stein eingekesselt wird. Ein Blick nach oben bestätigt, dass auch dort nur eine schmale Lücke ist. Am schönsten ist das Licht, das ins Tal fällt. Man steht in einem orange-ausgeleuchteten Saal, der einen an Terracotta Steine und Sanddünen denken lässt und das ganze Licht zu speichern scheint, als würde er es später noch brauchen. Stimmen hallen in diesem Teil des Canyons und es kommt einem falsch vor, seine eigene überhaupt zu erheben, weil es die Atmosphäre unterbricht (könnte allerdings auch nur mir so vorgekommen sein; die Personen mit klatschendem Flip-Flop-Style fanden es offensichtlich nicht so störend). Wenn man erstmal unten im Canyon steht, erstreckt sich eine weite, flache Landschaft vor einem. Man kommt aber schnell ins Keuchen, wenn man den Peek-A-Boo-Loop-Trail hoch in die Hoodoo-Berge nimmt. Vorbei an Personen, die ungerührt ihre Hängematten im Canyon aufspannen, Chipmunks, die ihre Pfoten auffordernd in deine Richtung ausstrecken und mehrere Reitergruppen, geht es weit hinauf ins Spargeltal.

IMG_0289Dabei hört man abwechselnd deutsche Sprachfetzen oder die Woohoo-Girls hinter uns, die an allen Punkten stehen bleiben, „woohoo“ schreien und miteinander einschlagen. Nur eine von ihnen hat sich darauf verlegt, zwischendurch „fuck yeah“ zu brüllen, weil sie angeblich in einem Nespresso-Shop arbeitet und ihre Mitarbeiter immer mit diesen Worten anstoßen, wenn sie etwas tolles erlebt haben.

Amerika 3 030
Stefan und ich brauchen gute drei Stunden bis wir wieder am Anfang stehen und wir sind beide durchgeschwitzt und haben Hunger. Wir laufen in Richtung unseres verabredeten Platzes, an dem wir früher ankommen, als ursprünglich geplant und an dem wir weder unsere Leute noch das Auto vorfinden. Etwas peinlich wird es, als wir uns im Shop nahe dem Parkplatz etwas zu essen holen und uns dann auf den Bürgersteig setzen, weil alles andere belegt ist. Wir kauen ca 15 Minuten auf unseren Sandwiches herum, bis mein Blick auf das Auto gegenüber von unserem Sitzplatz fällt: „Äh…Stefan…ist das nicht unser Auto?“

 

Ich würde mich über eure Meinung freuen – vielleicht habt ihr ja auch schon seltsame Menschen auf Wanderwegen getroffen?

Preise:
Nationalpark: 35$ pro Auto (beziehungsweise 35$ für alle Personen zusammen, die im Auto sitzen).
Website: https://www.nps.gov/brca/index.htm

Tipps:
1) Es lohnt sich am meisten einen „Annual Pass“ für die Nationalparks zu holen, der ein Jahr gültig ist und mit dem ihr in jeden Nationalpark hereinkommt. Der Preis beträgt 80$ pro Auto (was wirklich günstig ist, wenn du weißt, dass du mehrere Parks geplant hast).
2) Die „Visitor Center“ bieten immer wieder Karten an, die die genauen Wanderwege eingezeichnet haben. Ich würde das empfehlen, wenn ihr geplant habt, innerhalb der Canyons zu laufen.
3) Man kann auf den Seiten der Nationalparks ansehen, wann die Sonnenuntergänge am Abend sein werden – sehr praktisch, wenn man genau dafür an einem bestimmten Punkt sein möchte.

2 Kommentare zu „Lost in Red – Unterwegs im Spargeltal

  1. Gott sei Dank habt Ihr keinen Spargel geerntet. Ich habe noch in Erinnerung, das es im Bryce immer den Satz gab #a nice place to look but a horrible place to loose your cow# Euch noch viel Spass Gruss Rolf.

    Gefällt mir

    1. Hi Rolf,
      Leider war der Spargel nicht tragbar und wir mussten uns dagegen entscheiden, aber schöner Spruch! 🙂 In der Ranch bei uns hing auch noch ein Spruch von einer Blondine im Vintagestil: „Thought I was having a hot flash this morning! Then I realized it was just my boobs in my coffee…“ 😀

      Gruß an alle! Lil

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s