Twilight-Vibes – Ein paar Tage in Forks

Zehn – Über den Olympic National Park, die Küste und heimatliebende Rentner

Nach mehreren Tagen in der Gegend der Sammamish-Indianer entscheiden wir uns für einen Trip zum Olympic National Park, der im Norden von Washington, nahe der Pazifik-Küste liegt. Als wir ins Auto steigen, regnet es in Strömen und wir stoppen für ein kurzes Frühstück im Testy Chef Café im Maple Valley, mit Blick aufs Wasser und den typischen Hashbrowns (gerösteten Kartoffeln), Eiern und heißer Schokolade. Abgesehen davon wird dort auch „Biscuits with gravy“ serviert (eine Art Nationalgericht) und wir beschließen, das bei Gelegenheit mal auszuprobieren. Die Fahrt an Seattle vorbei führt über viele Brücken, Inseln und vorbei an einigen Häfen und nach circa zwei Stunden stoppen wir in der Dungeness Recreation Area, die direkt an der Küste liegt und in der man über einen „Primitive Trail“ ans Wasser gelangt. „Primitive“ meint in diesem Fall übrigens, dass der Pfad naturbelassen ist.

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Man geht unter tiefhängenden Ästen und hohem Gras hindurch eine Weile an Baumstämmen, Blumen und komplettem Moosboden vorbei und sieht ab und zu auch vorbeirennende Eichhörnchen und mit Glück auch ein Reh. Der Trail ist vor allem so schön, weil man sich von der Welt abgekapselt fühlt, keine Autogeräusche hört und nicht viel Betrieb ist. Nach circa 30 Minuten lichtet sich dann das Grün und man steht auf einer schicken, neuen Holzplattform mit Blick über die Küste. Es ist das erste Mal in diesem Urlaub, dass Stefan und ich an einem Strand stehen. Sand, bunte Steine, Muscheln, Krabben und Treibholz erstrecken sich soweit der Blick reicht und wenn man sich etwas zu sehr auf das Sammeln dieser Dinge konzentriert, kann es schon mal sein, dass man mit nassen Schuhen den Pfad wieder nach oben stapft. Die meisten Bereiche, die zu dieser „Recreation Area“ gehören, kosten übrigens keinen Eintritt, es kann aber sein, dass man einen kleinen Betrag für den Parkplatz dalassen muss.

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Der Highway 101 am National Forest entlang ist übrigens absolut überraschend: Es gibt hinter jeder Kurve neue Felsformationen, Wasserfälle, unterschiedliche Wald- und Pflanzenformen und man fährt vorbei am Lake Crescent, der sich mehrere Meilen neben der Strecke entlang zieht und den Blick auf Berge und Paddelboote freigibt. Unsere Unterkunft ist in Forks. Ja…der Ort ist genauso spannend wie er klingt und JA, es ist angeblich der Ort aus der Twilight-Buchreihe, in der sich Bella in den Vampir Edward verliebt (was man irgendwie verstehen kann, wenn man mal hier war, denn so viel geht in diesem Ort wirklich nicht ab…). Falls ihr allerdings vorbeischauen wollt, um einige der Drehorte zu sehen… die Filme wurden gar nicht hier gedreht, ein Stück weiter südlich kann man aber ein paar von ihnen besichtigen.
Unser Motel ist die Krönung von Forks: Die Zimmer sind vollkommen in Ordnung, allerdings sieht es von außen ein wenig aus, als hätte es eine Zombieapokalypse überlebt, bei der die Reinigungskräfte nicht mehr mit ihren Utensilien fliehen konnten. Genauer gesagt stehen ihre Putzeimer und die neue Bettwäsche konstant vor den Türen, es gibt mit Tape zugeklebte Mülleimer (den Sinn dahinter habe ich noch nicht ganz verstanden, denn wie soll man sie jetzt leeren?! Abgesehen davon denke ich nicht, dass ein Bär sich von Tape aufhalten lässt…) und der Innenhof hat Schlaglöcher, die man erstmal irgendwie umfahren muss. Meine Lieblingstatsache ist übrigens der auf dem Gebäudeplan eingezeichnete Fitnessraum, der kürzlich wohl abgebrannt ist und nun als Grillplatz verwendet wird (was anderes wäre vermutlich auch nicht mehr daraus machbar gewesen). Wer jetzt denkt, dass diese leicht durchgeknallte Atmosphäre den Ort billiger macht, täuscht sich gewaltig.
Forks ist mit LaPush der einzige Ort auf dieser Seite des Parks und deshalb ziemlich teuer. Wer Twilightsouvenirs kaufen möchte oder gut chinesisch essen will (auch wenn man dabei von einer Jacob-Pappfigur beobachtet wird), ist in Forks aber gut aufgehoben und es liegt außerdem am nähesten bei unserem Ziel: Dem Hoh Rain Regenwald.

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Als wir uns dorthin aufmachen, sieht das Wetter noch ganz passabel aus, nach zehn Minuten schüttet es allerdings in Strömen und das wird auch nicht besser, als wir über eine Stunde in den Wald hineinfahren. Ich schätze der Regenwald hat uns an diesem Tag deutlich gezeigt, warum er seinen Namen verdient hat. Die Äste sind tiefhängend und mit Moos überzogen, die Bäume knorrig und gleichzeitig so hoch, dass man ihre Spitzen nicht mehr erkennt. In der Luft liegt der Geruch von Sommergewittern und Moos, aber die Kälte hält einen davon ab, den Wald als „tropisch“ zu bezeichnen. Man bekommt eigentlich erst einen Eindruck davon, wie groß der Wald ist, wenn man so weit in ihn hinein fährt und wirklich weit ist das immer noch nicht, auf eine Gesamtfläche von fast 405,000 Hektar gesehen. Der Hoh Rain Forest ist nicht weit von Seen, Bergen und Stränden entfernt, was diesen Nationalpark vielschichtig und auch besonders macht – es ist der einzige Park in den USA, der einen Regenwald beinhaltet.

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Tropfend machen wir uns auf den Weg zum Visitor Center und den anschließenden Pfaden, die man hier laufen kann. Es gibt vier, die miteinander kombinierbar sind und wir laufen an dem Tag drei davon, die durch Wasser, Moostäler, Brücken und über umgekippte Baumstämme führen; einen durchnässt, aber auch beeindruckt zurücklassen. Das Wasser im Park ist unnatürlich klar und grenzt dabei fast schon an eine silberne Farbe, was es umso deutlicher von all dem Grün darum abhebt. Es wurden viele Informationsschilder entlang der Pfade aufgestellt, die über seltene Pflanzen und Bäume informieren. Man lernt zum Beispiel, dass Bäume, die über den kaputten Wurzeln oder Stämmen ehemaliger Genossen wachsen, „Nurselogs“ genannt werden, da sie deren Nährstoffe weiterhin für sich und neues Leben nutzen. Das Moos in den Bäumen sorgt dabei bei Sonnenlicht atmosphärisch für Dunst und lässt die Äste bei Regen umso düsterer erscheinen. Es ist nicht schwer einem Ort zu verfallen, der sämtliche Gegenden eines Herr der Ringe -, Harry Potter- oder Disneyfilms entspricht (und irgendetwas davon mag schließlich jeder… falls nicht, kann ich emotionsloses grünes Lego-Zusammenstecken empfehlen).

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Der bekannteste Pfad des Waldes wird übrigens „Hoh River Trail“ genannt, der fast 18 Meilen durch den Wald, entlang an Seen vorbei und hoch in die Berge führt. Er darf nur als fortgeschrittener Wanderer mit Campingsausrüstung und in einer Gruppe gelaufen werden, da Bären in diesem Teil der Wälder unterwegs sind und die erste Regel dabei lautet, sich nicht allein auf den Pfaden zu bewegen. Bei ständig wechselndem Wetter ist so ein langer Trail allerdings nicht einfach und es handelt sich nicht um einen sogenannten „Loop Trail“ (Rundweg), sondern man kommt oben in den Bergen wieder hinaus und kann alles wieder zurücklaufen oder muss sich mit einem Shuttle abholen lassen.

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Wer statt Wäldern lieber Strände sehen will, kann die gesamte Küste des Parks abfahren und wird immer wieder schöne Strände mit Sand oder Steinen finden. Wir haben auf unserem Trip beispielsweise am Ruby Beach gehalten, wo das Wasser die Farbe von Whiskey hat und man den Strand nur dann vollständig ablaufen kann, wenn man die Schuhe auszieht und durch einige Bäche stapft. Kontrastprogramm dazu wäre wohl Sol Duc Valley, was ein Teil des Regenwaldes ist, der viele Steigungen und Wasserfälle hat und wo man zwischen mehreren alten Bäumen hindurchklettert, um zu den sogenannten Sol Duc Falls zu gelangen.

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Auch zu empfehlen ist unser zweiter Tagestrip zum Quinault Rain Forest am südlichen Ende des Parks. Dieser wird von den Ureinwohnern der Quinault Indian Nation betreut und erstreckt sich ebenfalls entlang eines Sees (Lake Quinault) und einem kleinen Ort mit mehreren Häusern sowie einem alten, wunderschönen Gästehaus am Seeufer, bei dem Kanus geliehen werden können und man einen Pfad am Ufer entlang hoch in den Wald nehmen kann. Die Steigung ist etwas heimtückisch, weil man zunächst in Serpentinen läuft und sich all das mehrere Meilen zieht, aber dafür sieht man Wasserfälle, Teiche und Menschen, die sich mit ihren winzigen Hunden durch Bärengebiete kämpfen. Dieser Regenwaldteil ist nicht so mooslastig und urtümlich wie der Hoh Rain, dafür hat man mehr Wasseraussichten und bekommt „Indiana Jones“- Schwingungen, wenn man über Baumstämme und Holzbrücken läuft, unter denen das Wasser rauscht und sich Pflanzen durch die Lücken der Holzbrücken schlängeln (abgesehen davon besitzt Stefan seit unserem Ausflug zum Bryce Canyon einen verrückten Lederhut und summt beim Laufen die „Indiana Jones“-Titelmelodie, vor allem wenn er über Baumstämme steigt und plötzlich beschleunigt…).

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Eine weitere Überraschung ist auch in diesem Wald verborgen. Die größte Fichte der Welt steht nahe am Wasser und hat einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde bekommen. Der Baum ist so gigantisch, dass man seine Krone schon von weitem sieht und es nicht möglich ist, ihn einmal ganz aufs Bild zu bekommen. Lasst es euch in Zahlen sagen: Fast 60 Meter Höhe und 18 Meter Umfang.

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Darunter steht bei unserer Ankunft übrigens eine Gruppe Rentner, die wild gestikuliert und dabei ein wenig empört den Kopf schüttelt. Ein Mann mit Amerikaflaggenrucksack hat die Hände in die Hüfte gestemmt: „Wisst ihr, neulich hat mir jemand gesagt, dass ich mehr reisen sollte. Ich bekäme ja nichts mit von der Welt. Aber wenn ich hier stehe und diesen Baum sehe, dann denk ich: Warum soll ich weg? Den gibt’s so ja sonst nirgendwo anders!“
Irgendwie liegt er ja gar nicht so falsch mit seiner Aussage…

 

Preise:
Eintritt Olympic National Park: 30$ pro Auto (Pass gültig für 7 Tage).
https://www.nps.gov/olym/planyourvisit/visiting-the-hoh.htm

Tipps:
1) Nahe Forks und Sol Duc gibt es ein Thermalbad im Wald, das „Sol Duc Springs“ heißt. Man kann es je nach Saison bis abends um 21 Uhr nutzen und bekommt die letzten zwei Stunden vergünstigt.
2) Falls ihr überlegt, einmal das Geld für ein schönes Gästehaus in den USA hinzulegen, wählt das „Rain Forest Resort Village“ am Quinault Lake.

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