Unter den Dächern der Welt

Dreizehn – Über Tsunamiwolken, Holzfäller und den Redwood National Park

Willkommen an der kalifornischen Küste mit meilenweiten Sandstränden, Nebel über dem Meer und dem berühmten „Redwood State and National Park“, in dem sich die meisten Bäume über 90 Meter in die Luft erstrecken. Stefan und ich haben Glück dass unser Airbnb direkt an der Grenze zum Eingang des Parks liegt und man nicht sonderlich weit fahren muss, um zu den nahe gelegenen Attraktionen, wie dem Jedediah Smith Redwoods State Park zu gelangen. Unser Airbnb zunächst zu finden, ist aber nicht ganz so einfach, weil unser geliebtes Google Maps kein GPS-Signal erhält und wir stattdessen erstmal auf Essenssuche gehen. Nicht mehr lange unsere Sorge Nummer 1, denn über dem Wasser an der Küste zieht sich eine lange Wolke entlang, die schier endlos hoch erscheint und so wirkt, als stünde der Weltuntergang kurz bevor. Da sich die Einheimischen komplett normal verhalten, ist es wohl auch so, dass von der grauen Wolke keine Gefahr ausgeht. Schwer zu glauben, wenn man nie Derartiges gesehen hat und am Straßenrand Schilder mit den Aufschriften „Watch out – Tsunami Zone“ stehen. Wir finden auf einer Klippe schließlich das „YourDailyBread“-Restaurant, das extrem gute Pasta macht und aus dessen Glasfront man Wale in einiger Entfernung entdecken kann. Mit mehr Funksignal machen wir uns auf den Weg zurück und haben dieses Mal mehr Glück. Während die Küste in Oregon sehr abwechslungsreich ist, scheint Kalifornien vor allem zwischen zwei Formationen zu schwanken: Entweder man sieht kilometerweiten Sandstrand mit Schilf und Dünen oder man steht an Küsten mit zerklüftetem, schwarzem Vulkangestein, das aus dem Wasser ragt. Letzteres wird vor allem im Nationalpark sichtbar, der viele Wege entlang rauer Küste hat und in dem die gigantischen Bäume allgegenwärtig sind.
Stefan und ich fahren zuerst zu den Trees of Mystery, wo man mit einer Gondel durch den Wald „fahren“ und einige Wege laufen kann. Auf den ersten Blick sieht Trees of Mystery aus wie ein Paradies für Kinder: Erstens sind überall Schaukeln und Tiere zu sehen, zweitens steht eine riesige Paul Bunyan Figur mit einem ähnlich großen, blauen Ochsen vor dem Eingang.

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Da ich auch keine Ahnung hatte, wer Paul Bunyan ist, hier eine kurze Erleuchtung. Man ist sich nicht ganz sicher, ob die ursprüngliche Sage aus Kanada oder Amerika stammt, aber Paul Bunyan war angeblich ein übermannshoher, unendlich starker Holzfäller, der mit seinem Ochsen durchs Land gezogen ist und Monumente, Seen und sogar den Grand Canyon geschaffen haben soll (durch die Art, wie er seine Axt hinter sich herzog). Klingt und ist also eine landwirtschaftliche Fassung von Chuck Norris, von dem es eine Disneyserie und etliche andere Werbefiguren im Land gibt. Aber um die Sache zu krönen: Nicht, dass Paul Bunyan nur übermenschlich riesig vor dem Eingangstor steht, er spricht auch noch. Und nein, es ist kein Spielband, was sich wiederholt und epische Musik abspielt, sondern jemand sitzt in Paul Bunyans Kopf, labert vor sich hin und beantwortet die Fragen, die neugierige Kinder nach oben schreien. Ich habe selten von einem noch seltsameren Job gehört. Aber es ist ja auch wieder ganz lustig, wenn die Kinder: „Bis bald Paul! Hab nen guten Tag!“ schreien und Paul mit begeisterter Stimme „Yo bis dann!“ ruft. Auch wenn der Park mit Kindern bestimmt ein toller Ausflug ist, so kann man ihn auch zu zweit sehr genießen, wenn man die Pfade zwischen Elefantenbäumen abläuft und Bäume sieht, die sich nicht einmal ansatzweise umfassen lassen.

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Besonders eindrucksvoll ist die „Chapel“, eine Formation von neun Bäumen, die in einem Halbkreis dicht aneinander stehen und in deren Mitte man heiraten kann, wenn man sich lange, lange im Voraus anmeldet (lustigerweise entsteht bei Trees of Mystery gerade eine weitere Chapel mit einem Schildchen daran, auf dem steht: „Wir nehmen Reservierungen für in 200 Jahren an!“).
Kurz bevor man die Gondeln erreicht, steht man dann vor dem beeindruckendsten Baum des Parks: dem „Brotherhood Tree“. Vermutlich bräuchte man zwischen fünf und zehn Personen, um den Stamm einmal zu umarmen. Um ihn herum erstreckt sich eine Holzplattform mit langen Planken und Geländern, die die Beschädigung verhindern sollen. Wenn man Bäume wie diesen sieht, kommt man sich umso mehr wie eine Stecknadel auf der Weltkarte vor. Redwoods sind übrigens Küstenmammutbäume, die lediglich in diesem Teil Amerikas wachsen und von denen früher leider ein Großteil abgeholzt wurde. Die Verbleibenden sind im Durchschnitt zwischen 500 und 700 Jahre alt, es gibt allerdings auch einige, die auf 2000 Jahre geschätzt werden.

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In die Gondeln passen zwei bis sechs Personen und die Fahrt nach oben in den Wald dauert acht Minuten. Wenn man durch die Kapsel nach unten sieht, entdeckt man alte, vermooste Stufen, die den ursprünglichen Weg darstellen und schwebt an den gigantischen Baumkronen vorbei. Oben angekommen gibt es wieder eine elegante, neue Holzplattform, die einen Aussichtspunkt bis auf das weiter entfernte Meer bietet. Von oben kann man entweder die Gondel zurück zu den unteren Pfaden nehmen oder man beschließt, von oben den längsten Pfad zu laufen, der als „mittelmäßig schwierig“ eingestuft wurde (leichte Untertreibung nachdem man ihn selbst gelaufen ist). Zum größten Teil ist man zwar bergab unterwegs, allerdings ist es kein angenehmes „Ich-atme-mal-durch“-Bergab, sondern ein „Verdammt-wo-kann-ich-hintreten-ohne-dass-ich-auf-einer-Nacktschnecke-ausrutsche-und-hinfliege“-Bergab. Stefan ist in sowas ja gewissenloser als ich, aber dafür lag er auch nach zehn Minuten auf dem Boden.
Danach haben wir beschlossen, uns auf die Seile am Rand zu verlegen, die Sicherheit garantieren sollen. Ich denke nicht, dass das, was wir dort betrieben haben, noch „wandern“ war. Es fiel eher  in die Kategorie „klettern“ und wir waren relativ fertig mit der Welt, als wir unten ankamen. Nur gut, dass es dort zwei Möglichkeiten zum Entspannen gibt. Einmal kann man ins indianische Museum neben dem Souvenirshop gehen und erfährt dort, wie die Cherokee-Indianer in der Gegend sich gekleidet und gejagt haben. Andererseits gibt es auf der gegenüberliegenden Seite der Straße das „Forest Café“, das eine verrückte Atmosphäre mit grüner Decke und mehreren Brunnen hat und gutes Mittagessen anbietet.

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Circa 20 Minuten von den Trees of Mystery entfernt befinden sich dann die Prairie Creek Redwoods, die ich für diesen Nationalpark als eigentliche Hauptattraktion verbuchen würde. Einmal in den Park abgebogen, gibt es ungemein viele Möglichkeiten, stehen zubleiben und je tiefer man in den Wald hinein fährt, desto höher und breiter werden die Bäume. Einige von ihnen wurden durch Feuer oder Käfer so weit ausgehöhlt, das man in ihrer Mitte stehen kann, andere stehen so dicht aneinander, dass ihre Baumstämme zusammengewachsen sind. Die meisten der Pfade sind ziemlich naturbelassen und man läuft durch ein Labyrinth aus Farn, Redwoods und Wildblumen in einer selten gelassenen Stille, die höchstens durch Wasserrauschen, Vögel und das gelegentliche Klicken einer Kamera gestört wird. Die Bäume lassen nur vereinzelt Lichtstrahlen hindurch und geben einem den Eindruck als Dächer der Welt zu fungieren, vor allem, weil man sich kaum vorstellen kann, dass außerhalb von ihnen noch etwas existiert.

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Die nächste Stadt bei den Redwoods ist Crescent City. Falls man mal eine Pause von all den Bäumen braucht, kann man in die Stadt fahren, ein Stück am Strand entlang spazieren oder den Leuchtturm „Battery Lighthouse“ auf einer kleinen Insel besichtigen.  Man kann in der warmen Jahreszeit an den Touren im Gebäude teilnehmen, wobei man etwas über die Geschichte der Gegend und dem Bau des Turms erfährt. Es ist einer der ersten Leuchttürme, die in Kalifornien als historischer Ort registriert wurden und war bis 1953 nicht automatisiert. Gerade im Juni ist es besonders schön, weil die Blumen auf der Insel in voller Blüte stehen und sich auch bei schlechtem Wetter pink von den Klippen und dem weißen Turm abheben.

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Crescent City ist zudem nicht weit entfernt vom Visitor Center entfernt, das kleine Redwoods zum Einpflanzen verkauft und einem Karten zu den Pfaden in der Umgebung mitgibt. Der Jedediah State Park ist zum Beispiel gleich um die Ecke und man läuft zwischen den einzelnen Redwoods entlang in Richtung von dichterem Waldgebiet oder runter zum Fluss, wo das Wasser je nach Lichteinstrahlung die Farben wechselt. Dabei kann man im Hintergrund die Rangerkinder (Juniorranger) marschieren hören. In den Flüssen sind sogar einige Leute am Baden, auch wenn das Wasser extrem kalt ist. Da bleibt man doch lieber im Schatten und genießt die Sicht auf das spiegelglatte Wasser neben einem.

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Nennt mir einen Ort, an dem sich wandern besonders lohnt 🙂

Preise:

Trees of Mystery: Erwachsene 19$, Senioren 14$, Kinder 9$ (ab 5 Jahren)
Website: https://www.treesofmystery.net/

Tipps:
1) Holt euch bei Trees of Mystery einen Wanderstock, falls ihr den Pfad von oben nach unten laufen möchtet. Man bekommt sie beim oberen Gondelhaus und kann ihn wieder unten zurückgeben.
2) Wenn ihr zuerst zu den „Trees of Mystery“ und danach zum „Forest Café“ geht, bekommt ihr bei ersterem einen Rabatt-Coupon für zweiteres.
3) Die Bäume in Prairie Creek sind noch um einiges urtümlicher, als die in im Jedediah State – falls ihr nur einen Tag in der Gegend habt und nicht sicher seid, was ihr anschauen möchtet.

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