Das Grand Canyon Railway Package – Mit dem Zug zur Schlucht

Einundzwanzig – Über Fort Worth, den Grand Canyon und Williams

Natürlich kann man die USA nicht bereisen, ohne den Grand Canyon zu sehen – zumindest schaut von den Amerikanern jeder einen etwas irritiert an, wenn man es nicht tut. Von unserem letzten Ziel zum Grand Canyon ist es aber ein drei Tages Trip und wir haben beschlossen, zumindest einen Zwischenstopp einzulegen. So kommt es, dass wir in Fort Worth in Texas pausiert haben und das nicht nur, um behaupten zu können,  ein Steak in Texas gegessen haben. Nein, wir wollten unter anderem dorthin, weil die Fort Worth Stockyards den alten Westernstil mit am besten präsentieren. Die Stockyards liegen außerhalb der eigentlichen Stadt Fort Worth und sind seit den 1910 ein sehr aktives Touristenziel. Es ist eine der wenigen Ausflugsdestinationen, wo man wirklich in den wilden Westen einsteigt. Der ganze Bezirk hat nur altmodische Holzhäuser, Bretterveranden und wild blinkende Reklamelichter, die aber reichlich schräg hängen. Zweimal am Tag werden die Büffel durch die Stadt getrieben und man kann auch, wie der Stadtsheriff, von einem Büffel durch die Gegend getragen werden.

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Oder man wählt die urtümliche Pferdekutsche, die die Hauptstraße hoch und runter fährt. Hin und wieder hört man Gitarrenmusik aus einem Saloon kommen und natürlich hat man eine riesige Auswahl an Westernkleidung und allem möglichen Zubehör, was die Wild-West-Pferde betrifft.

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Die Rodeoarena und das zugehörige Museum sind zu besichtigen oder man geht in den Streichelzoo nahe der ursprünglichen Eisenbahnschienen. Aber natürlich ist unsere Mission unter anderem, ein Steak zu essen und wir entscheiden uns für das Cattlemen`s Restaurant. Dort wird das Steak direkt in dem Raum gegrillt, in dem man isst und das Licht ist so gedämmt, dass man sich wie in einem Pub fühlt. Das Fingerfood ist ebenfalls sehr gut und wir lernen, dass „Hot Rolls“ kleine Brötchen aus Sauerteig sind. Die Amerikaner haben übrigens nicht nur die drei bei uns gängigen Stufen rare, medium und well done für Steaks, sondern eine ganze zusätzliche Skala von Zwischenstufen, die man auf einer Art Thermometer auswählen kann. Wenn man dort isst, merkt man auf jeden Fall, dass sie ihre Steakkunst perfektioniert haben.

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Der Grand Canyon war für uns von Anfang an eins der wirklich großen Ziele. Nicht nur, weil der Canyon weltweit bekannt ist, sondern weil wir vor der Anreise das „Railway Package“ gebucht haben. Es ist eine von den teuren Sachen, für die wir uns entschieden haben, aber nach circa zweieinhalb Monaten „on the road“ waren wir etwas besessen davon, irgendwo ohne Schaben, Ameisen oder Spinnen zu übernachten. Das Paket umfasst ein Hotelzimmer, eine Zugfahrt und Essen und man kann dies über die Eisenbahnwebsite buchen. Es fällt etwas günstiger aus, wenn man die Jahreskarte für den Nationalpark besitzt. Wir kommen jedenfalls morgens in Williams an und können direkt beim Bahnschalter unsere Tickets für den Zug und die Check-In-Karten fürs Hotel und das Essen abholen. Um 10:30 Uhr geht es dann auch schon los. Man fährt mit einer Diesellock für zweieinhalb Stunden Richtung Grand Canyon und kommt dann auch direkt im Rim Village an. Die Fahrt ist nicht unbedingt die Spektakulärste von der Aussicht (obwohl man durchaus mal ein paar Tiere erspähen oder die Berge in der Ferne sehen kann und hin und wieder halbnackte Leute aus ihren Wohnwagen winken sieht). Ich lege euch diese Art an den Grand Canyon zu kommen, aber trotzdem sehr ans Herz. Nicht, dass es nur freie Snacks und Livemusik in diesem altmodischen Zug gibt, nein, man bekommt auch schnell seine Cocktails geliefert, wird per Lautsprecher über die Gegend und die Aktivitäten am Canyon informiert und sitzt richtig bequem in den alten Sitzen. Wir haben uns kein bisschen gelangweilt und die Kinder im Zug hatten eine super Zeit, als sie auf den Instrumenten der Musiker rumklimpern durften. Beim Zug kann man übrigens unterschiedliche Kategorien wählen – da wäre zum Beispiel die normale Passagierklasse (Coach & Pullman Class), die First Class, die Observation Dome Class, die Luxury Dome Class und die Luxury Parlor Class – bei der man sogar nach draußen gehen kann. Wir sind mit der Dome Class zum Canyon gefahren und man sitzt darin hoch erhoben mit Glasdach, es ist schön ruhig und man sieht sehr weit – ich würde es auf jeden Fall wieder so machen.

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Man bekommt übrigens auch Karten zum Grand Canyon im Zug und die alte Zeitung „Territorial Times“, die über die aktuellen Gefahren am Canyon, aber auch über die Entwicklung der Eisenbahn und den Nationalpark im Allgemeinen berichtet. Man erfährt beispielsweise, dass die Bahn seit 1901 in Betrieb ist und 1989, nach 21 Jahren Pause, durch das Ehepaar Biegert wieder für den Tourismus geöffnet wurde. Die Wagen mussten nach der Pause allerdings wieder renoviert werden und es gab viele Reparaturarbeiten betreffend der Gleise.
Am Canyon angekommen fühlt man sich beim Aussteigen einem Hitzeschock ziemlich nahe. Wir sind schließlich zur heißesten Zeit des Jahres dort und Arizona ist nach wie vor dafür bekannt, dass Wüstensträucher durch die Gegend rollen und die Luft sich wie ein Föhn anfühlt. Da man oben nach einem neuen Gesetz keine Wasserflaschen mehr kaufen kann, gibt es entlang des Canyons Wasserspender – ist natürlich praktisch, wenn ihr etwas dabei habt, wo ihr das Wasser hineinfüllen könnt. Nicht auszutrocknen ist gar nicht so einfach, oben am Canyon gibt es nämlich nicht sonderlich viel Schatten. Es ist ein unglaublicher Blick, wenn man die Mauern am Rand der Schlucht erreicht und in eine schier unendliche Weite der unterschiedlichsten Farben blickt. Wenn man nicht selbst auf einer Klippe mit eben diesem Stein stehen würde, wäre die ganze Sache noch irrealer. Und die Farben vor einem wechseln noch mehr, wenn die Wolken über die Schlucht hinwegziehen. Je nachdem wo man steht, kann man violette, rote, orangene und graue Felswände ausmachen, aber der Canyon hat ja auch nicht umsonst den sogenannten „Rainbow Rim Trail“. Es ist ein wahres Naturschauspiel den Wolken zuzusehen, einen Blick auf den Colorado River im Tal zu werfen oder unter den seltenen Bäumen zu stoppen, die ihre knorrigen Wurzeln tief im Felsen vergraben haben. All das wirkt vor allem so beeindruckend, weil der Canyon natürlich sehr groß ist. Er zieht sich fast 450 Kilometer durchs Land und ist fast eine Meile tief. Die Dimensionen sind nur schwer vorstellbar – sogar wenn man direkt davor steht.

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Wie immer an großen Touristenattraktionen sind die unglaublichsten Menschen auf den Pfaden unterwegs. Wir sehen wieder Menschen mit Flip Flops sowie andere in Kostümen. Es gibt sogar ein Paar, das seine vier Hunde im Kinderwagen kutschiert; einer davon hat eine Art eigenes Bobbycar, auf dem er die Hügel hochgeschoben wird. Only in America. Auf dem Weg zu den einzelnen Aussichtspunkten erfährt man übrigens auch viel zu den einzelnen Gesteinsschichten im Canyon, denn diese Steine werden auf Sockeln ausgestellt mit Jahresangaben daneben. Wer mehr Informationen haben möchte, kann natürlich auch ins Visitor Center im Rim Village gehen. Da erfährt man alles über die Bildung des Canyons, die unterschiedlichen Tierarten in der Gegend und über die Touren, die am Canyon angeboten werden. Es gibt auch Informationen zu den Indianern, falls ihr im alten Hopi House vorbeischaut. Aber denkt daran, den Kopf beim Eintreten einzuziehen, denn bekannterweise waren die Indianer nicht sonderlich groß. Das Reingehen ist eine schöne Überraschung, weil man einen guten Überblick über den Indianerschmuck bekommt, Seifen kaufen kann, die direkt in der Gegend hergestellt wurden und Kacheln mit bunten, indianischen Motiven ausgestellt sind. Abgesehen davon hat das Hopi House mit die beste Buchauswahl über den Canyon, zumindest von allen Souvenirshops, die ich gesehen habe.

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Wenn ihr Glück habt, sehr ihr sogar vor dem Eintreten eine der indianischen Musik- und Tanzvorführungen die mehrfach am Tag stattfinden. Zwei Sachen im Canyon Village möchte ich noch erwähnen. In dem Restaurant Bright Angel Lodge befindet sich auch ein Ausstellungsraum für die sogenannten Harvey Girls. Sie gehören definitiv zu meinen Lieblingsthemen aus diesem Urlaub. Die Harvey Girs wurden von Fred Harvey ins Leben gerufen. Mr Harvey war ein junger Mann, der in den 1870er Jahren aus England auswanderte und beschloss, sein Glück in den USA zu versuchen. Er reiste mit der Eisenbahn und war schnell genervt von den Zuständen in den Zügen und der Tatsache, dass es nahe dem Canyon kaum Hotels und Restaurants gab. Seine Vorschläge wurden bei den lokalen Behörden und von den schon existierenden Hotels abgelehnt, er hatte aber Glück und konnte nach einiger Zeit in Santa Fe sein erstes Hotel mit Restaurant errichten. Es war nur eins von vielen, die er über die Jahre hinweg eröffnete. Besonders erfolgreich wurde er schließlich mit seinen „Harvey Girls“. Dabei handelte es sich um junge, intelligente und sehr hübsche Mädchen, die in den Hotels arbeiteten und vom Westen des Landes in die Einöde gebracht wurden. Die Gegend um den Grand Canyon herum war dafür bekannt, dass nur Männer in den Wüstenminen arbeiteten, von Frauen war weit und breit nichts zu sehen. Die Harvey Girls an sich waren also schon Grund genug, um ins Restaurant oder ins Hotel zu kommen. Sie hatten für die damalige Zeit ein gutes Einkommen und Verträge für fünf Monate; viele von ihnen heirateten Siedler und Arbeiter, weshalb die Bevölkerung in der Gegend wachsen konnte.

Zweite Sache, die ihr euch am South Rim anschauen solltet, ist das El Tovar Hotel, das bei seinem Bau zu einem der schickesten Hotels im Süden ernannt wurde und zudem sehr gutes Essen anbietet. Solltet ihr planen, dort essen zu gehen, kann ich nur eine Reservierung im Voraus empfehlen. Es ist vermutlich das teuerste Hotel in der Grand Canyon Gegend, aber wenn euch nach Luxus ist, dann ist es die richtige Wahl und zweifelsfrei hat es eine der schönsten Aussichten überhaupt.

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Auf der Rückfahrt mit dem Zug sitzen wir dann in der First Class. Wir bekommen Countrymusik mit der Gitarre zu hören und werden von Banditen überfallen, die zunächst auf Pferden neben dem Zug herreiten und schließlich sogar aufspringen, um durch die Abteile zu spazieren und uns zu „berauben“. Dicht auf ihren Fersen ist ein schnauzbärtiger Sheriff, der das Abteil mit den Worten: „Have you seen someone who smells like he crawled through a horse and came out at the wrong end?“, betritt. Auch wenn man nicht das Hotel mitbucht, kann man natürlich trotzdem Tickets für den Zug erwerben – wir haben auf jeden Fall nur die beste Erfahrung damit gemacht.

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Wobei wir auch das alte „Railway Hotel“ geliebt haben. Es ist eines der verwinkelsten Gebäude, die wir auf der Reise sehen, aber das tut seiner Eleganz keinen Abbruch. Da es vor wenigen Jahren komplett renoviert wurde, sind alle Zimmer auf dem neuesten Stand und man fühlt sich nach so vielen Wochen unterwegs in den seltsamsten Motels, hier wie im Paradies. Im Gebäude nebenan gibt es dann auch das Abendessen. Es ist ein riesiges Buffet mit Pasta- und Grillstationen und man bekommt musikalische Begleitung durch – will jemand raten? – Countrymusik.

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Wenn ihr schon den Zug nehmt und aus Williams startet, solltet ihr die Stadt unbedingt auch einmal zu Fuß durchqueren. Williams ist vermutlich der bekannteste Ort an der berühmten Route 66 und er hat die vielseitigsten und buntesten Souvenirs, die man sich vorstellen kann. Auf Tankstellendächern thronen alte Autos, die Restaurants haben alle Grillstationen und über die Stadt selbst führt eine Zip-Line in der Form eines Autos. Und falls ihr den Ort Richtung Westen verlasst, kann ich nur empfehlen, einen Halt beim alten „Route 66 Museum“ zu machen, das direkt an der Strecke liegt.

Weitere Tipps für die Gegend? Wie waren eure Erfahrungen am Grand Canyon?

Preise:

Railway Package (Preise variieren je nachdem welche Zugklasse und welche Zimmerkategorie ihr nehmt): Zwischen 450 und 700$ (Paket umfasst Zugfahrt hin und zurück von Canyon, Hotelzimmer und Verpflegung)
Website: https://www.thetrain.com/offers-packages/
Grand Canyon ohne Zug und ohne Jahrespass:
Website: https://www.nps.gov/grca/index.htm

Tipps:

1) Railway Package im Voraus buchen, dann kann man hin und wieder Sparangebote abgreifen.
2) Sonntags fährt statt dem Dieselzug eine alte Dampflock.
3) Falls ihr später im Jahr da seid, gibt es bei der Eisenbahn die Aktion „Polarexpress“, was extrem empfohlen wird und bestimmt besonders mit Kindern ein Highlight ist (uns wurde erzählt, dass sogar Santa Clause hier seinen Auftritt hat).
4) Wasserflasche selbst mit hoch auf den Canyon nehmen – es gibt nur Wasserspender, aber ihr könnt dort keine neuen Flaschen kaufen.
5) Es gibt natürlich noch weitere Ausflugsmöglichkeiten im Canyon. Man kann sie entweder zum Zug-Paket dazubuchen oder sie selbst organisieren. Dazu gehören Touren auf Pferden oder Eseln in den Canyon oder Rafting und Kanu fahren auf dem Colorado River.

2 Kommentare zu „Das Grand Canyon Railway Package – Mit dem Zug zur Schlucht

  1. Hi Lilian, kenne deine Ma, deshalb leite ich den Kommentar hier über deine Ma weiter, die soll ihn eintragen , da wir gerade in der norddeutschen Pampa unterwegs sind. – Toller Blog, haben gerade mit der Familie schon mal wegen deines Eintrags zur Grand Canyon Railway den Zug gebucht für den Oktoberflug in die USA. Samt Hotel. Text hat richtig Lust darauf gemacht, mitzufahren. Vorher waren wir uns ein bisschen unsicher. Gruß Gaby aus FR

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    1. Hallo Gaby,
      Tut mir leid für die späte Antwort, ich musste ein paar technische Sachen regeln und war dann auch auf der Rückreise ;). Es freut mich sehr, dass euch der Blog gefällt und ich hoffe ihr habt auch einen tollen Ausflug mit der Grand Canyon Railway. Ich halte die Erinnerungen für eine meiner besten des ganzen Trips! Ich wünsche euch ganz viel Spaß und vielen vielen Dank für das Dalassen des Kommentars!
      Lilian

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